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Primitivo – kein primitiver Rotwein aus Apulien: Der italienische Zinfandel


Noch vor 15 Jahren war die Lage im apulischen Weinbau zum Verzweifeln. Die Experten waren sich längst einig, dass nur eine Qualitätsoffensive ein Überleben im globalisierten Wettbewerb sichern könne. Neue interessante Produzenten drängten auf den Markt: Australien, Chile, Südafrika und die USA.


Jede Menge Fusel

Apulien schien unbeeindruckt und füllte Jahr für Jahr Unmengen von Massenweinen ab oder karrte sie in Tanklastern gen Norden. Dort halfen die körperreichen und farbintensiven Rotweine manchem dünnen Artgenossen aus Norditalien auf die Beine.

Das geschah natürlich im Verborgenen, denn erstens war es nicht erlaubt, und zweitens wollte man im vornehmen Norden nicht mit der anrüchigen Verwandtschaft aus dem Süden in Verbindung gebracht werden.

In Mailand bezeichnet Trani eine Kaschemme, in der billiger Fusel ausgeschenkt wird. Den Namen hat diese Art von Weinlokal von der apulischen Stadt Trani, nicht weit von der Hauptstadt Bari entfernt.

Apulien war und ist immer noch der größte Weinproduzent Italiens. Weinreben liebten die geografischen Bedingungen dieser von zwei Seiten vom Meer umspülten Regionen und trugen und trugen und trugen. Die Winzer mussten die Trauben nur noch abnehmen, sonst gab es nicht allzu viel zu tun.

Zinfandel aus Kalifornien

Jenseits des Ozeans, im fernen Kalifornien, brach in den 1980er-Jahren ein Weinboom aus. Getragen wurde der Hype, der Weinmacher wie Konsumenten gleichermaßen ergriff, von einer Traube mit dem seltsamen Namen Zinfandel.

Endlich hatten die Amerikaner ihre nationale Weinsorte entdeckt: keine Nachahmung europäischen Cabernet Sauvignons oder Merlots, nein, ein echt amerikanisches Gewächs, das sonst keiner zu bieten hatte, und aus dem sich sogar großartige Weine machen ließen. Auch der Rest der Welt war beeindruckt.

Primitivo als Hoffnungsträger

Was aber hat die amerikanische Erfolgsgeschichte mit dem dahinsiechenden Weinbau an Italiens Stiefelabsatz zu schaffen? Die Antwort lautet: Die Italiener wurden von ihren amerikanischen Kollegen mit der Nase darauf gestoßen, dass sie in ihren Weingärten jede Menge Trauben hatten, aus denen sich nicht nur viel, sondern auch guter Wein keltern ließ.

Trotz der großen Begeisterung über die „amerikanische“ Rebe Zinfandel, suchten Forscher nach ihrer doch sehr wahrscheinlichen europäischen Herkunft. Man verdächtigte die übel beleumundete Sorte Primitivo aus Apulien, was von den Winzern vehement bestritten wurde.

Im Jahr 1999 versetzte die University of California dem amerikanischen Nationalstolz einen herben Schlag und trat auf Grund einer DNA-Analyse den Beweis an: Zinfandel ist mit Primitivo identisch.

Gewiss gab es auch schon vor diesem Datum eine kleine Zahl von Produzenten, die aus der in Apulien weit verbreiteten Primitivo-Traube mehr machten als billigen Massenwein. Aber erst die Entdeckung der Identität von Zinfandel und Primitivo machte Eingeweihten klar, welches Potential in Apulien schlummerte.

Antinori und Avignonesi steigen ein

Plötzlich interessierte sich sogar der italienische Weinadel, der früher sicher nicht mit dieser Gegend in Beziehung gebracht zu werden wünschte, für das Mezzogiorno. Die Conti Antinori, die bedeutendste Wein-Dynastie Italiens – immerhin schon seit 1385 im Geschäft – investierten ebenso wie das noble Weingut Avignonesi aus der Toskana und andere erste Adressen.

Qualität zu günstigen Preisen

Immer noch kommen Unmengen dürftiger Weine aus Apulien. Auch wenn Primitivo auf dem Etikett steht, bürgt das noch längst nicht für einen guten Wein. Aber in der Spitze der Produktion hat die Region einen fulminanten Qualitätsschub hinter sich, beim Primitivo wie bei anderen Rebsorten.

Was geblieben ist, sind die meist moderaten Preise. Das Qualitäts-Preis-Verhältnis ist in keinem anderen italienischen Anbaugebiet besser.

Primitivo ist kein Leichtgewicht

Wer den typisch italienischen Rotweinstil mag, wird auch guten Primitivo lieben. Der Wein ist wuchtig und fruchtig. Er braucht viel Sonne und muss voll ausreifen, um das volle Spektrum seiner Aromen zu entfalten.

Das Ergebnis sind Weine mit mindestens 14% Alkohol, auch 15 oder mehr Volumenprozente sind durchaus üblich. Wird die Süße nicht durch ein Säurekorsett aufgefangen, kann der Wein marmeladig wirken. Hat der Winzer aber alles richtig gemacht, hat man ein wundervolles Getränk im Glas, das nach roten Beeren schmeckt, nach Zimt, Nelken, schwarzem Pfeffer, Backpflaumen, Leder und manch anderem.

Primitivo benötigt keine lange Lagerung, im Jahr nach der Lese ist er trinkfertig. Hebt man ihn länger als vier Jahre auf, verliert er viel von seiner Frucht.

Primitivo als Essensbegleiter

Ein Spitzen-Primitivo eignet sich perfekt zum Genuss mit guten Freunden an Winterabenden. Voraussetzung: es muss kein Auto mehr bewegt werden. Soll der gleiche Wein schon das Essen begleiten, ist die Wahl nicht ganz einfach.

Ein so wuchtiger Wein verlangt nach etwas Handfestem. Wild ist denkbar oder ein gut gewürztes Ossobuco, ebenso wie kross gebratene Ente oder Gans.