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Der Sachsenspiegel und Ritter Eike von Repgow


Rechtsbücher sind keine amtlichen Gesetze, sondern ursprüngliche Privatarbeiten, denen aber die Praxis weitgehend gesetzmäßiges Ansehen und Beweiskraft beigelegt hat. Rechtsbücher waren weit verbreitet und bildeten aufgrund ihrer Verbindlichkeit oft die Urteilsgrundlage, nachdem sie die Stelle des einstigen mündlichen Rechtsvortrages eingenommen hatten. Denn mittelalterliches Recht war mündlich überliefertes Gewohnheitsrecht, ohne begriffliche Klarheit und jeglicher systematischer Geschlossenheit. Gerade an dem später so bedeutsamen Landrecht des 12. Jahrhunderts mangelte es. Besondere Bedeutung der Lex Terrae kam daher dem mit Abstand bedeutendsten deutschen Rechtsbuch, dem um 1225 entstandenen Sachsenspiegel, zu. Der Sachsenspiegel des Eike von Repgow umfasst zwei wichtige Rechtsbereiche seiner Zeit: das Landrecht und das Lehnrecht.


Ritter Eike von Repgow übertrug widerwillig vom Lateinischen ins Niederdeutsche

Der Sachsenspiegel verkörperte das früheste größere Prosawerk, das in deutscher Sprache abgefasst wurde. Es war eine Privatarbeit, die Land- und Lehnrecht enthielt und später Gesetzeskraft erlangte und zur Quelle des gemeinsamen Sachsenrechts (Ius Saxonicum) erwuchs. Der Verfasser des Sachsenspiegels war der um 1180 geborene ostsächsische Ritter Eike von Repgow, ein Vasall des Quedlinburger Stiftsvogtes Grafen Hoyer von Falkenstein, auf dessen Bitte er die ursprünglich in Latein gehaltene Fassung, die verschollen ist, ins Niederdeutsche übertrug, allerdings widerwillig, wie die Überlieferung zu berichten weiß.

Der Sachsenspiegel enthält in seinem Landrecht sowohl Privat-, Straf- als auch Verfahrens- und Staatsrecht. Das Rechtsbuch war von den Niederlanden bis nach Polen und Russland verbreitet, wo es als Entscheidungsgrundlage von Ratsherren und Richtern herangezogen wurde. Die Bezeichnung "Sachsenpiegel“ beruht auf der Zugehörigkeit zur Spiegelliteratur der Entstehungszeit. Dem Unrecht entgegenwirken und Kenntnisse des Rechts verbreiten, waren die hehren Ziele Eike von Repgows. Der Sachsenspiegel war vorrangig deutsch-rechtlich, enthielt aber auch einiges aus dem römischen und kanonischen Recht.

Der Inhalt des Sachsenspiegels

Der Sachsenspiegel ist in vier teils vergoldeten Bilderhandschriften überliefert. Bilderhandschriften haben Rechtsvorgänge, Rechtsfiguren, Rechtsgebärden und rechtliche Verhältnisse des Mittelalters überliefert. Die Hauptzeugnisse stellen einmal die vor 1315 angelegte Heidelberger Bilderhandschrift und zum anderen die zwischen 1350 und 1370 im Sprengel von Meißen entstandene Dresdner Bilderhandschrift. Insgesamt sind die Rechtsätze anschaulich und bildhaft, teilweise feierlich und mit Rechtssprichwörtern versehen. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend weist der Sachsenspiegel zahlreiche biblische Bezüge auf. So bilden Vernunft und göttliche Wahrheit die Maßstäbe, an denen Eike von Repgow das heimische Gewohnheitsrecht misst. Die Normen sind weniger pragmatisch als vielmehr religiös begründet.

Das Landrecht regelt das Recht der Freien einschließlich der Bauern. Es regelt Grundstücksangelegenheiten, Erbschaft, den Ehestand und die Güterverteilung. Es umfasst das Strafrecht und die Gerichtsverfassung. Das Lehnrecht regelt die Verhältnisse zwischen den Ständen im Land, Lehnspflichten und dergleichen. Einen Schwerpunkt bildet das Strafrecht. Anlass dazu gaben die zahlreichen Landfrieden, die nicht durchsetzbar waren. Notwehr wird demnach als rechtlich anerkanntes Abwehrmittel angesehen. Die Regeln des gerichtlichen Zweikampfes werden ausführlich beschrieben. Es werden verschiedene Todesstrafen aufgezählt, desweiteren die Voraussetzungen und Folgen der Acht erklärt.

Von Eike von Repgow angeführt wird auch die Zweischwerterlehre. Er befürwortete den ursprünglichen Gedanken der Gleichberechtigung von Papst und Kaiser, was allerdings zum Widerruf einiger Teile des Sachsenspiegels führte seitens Rom. Er schildert auch die Königswahl, ein Punkt, der zur späteren Schaffung der Goldene Bulle (1356) führte. (Grundgesetze des Heiligen Römischen Reiches und unter anderem auch die Regelung der Wahl und der Krönung der römisch-deutschen Könige).