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Der Sächsische Prinzenraub


1455 werden in Altenburg die Söhne des sächsischen Kurfürsten entführt. Der Zufall verhindert den Erfolg der Täter und begründet damit eine der schönsten Sagen Sachsen.

Der Zeitpunkt schien ideal gewählt. Das Altenburger Schloss, ein verwinkelter Bau, war in dieser Nacht beinahe schutzlos. Ein einziger Mann hielt Wache, und diesem hatte der Küchenknecht ein Schlafmittel verabreicht. Vom Rest der Schlossbesatzung begleiteten einige Kurfürst Friedrich den Sanftmütigen auf einer Reise. Die Übrigen nutzten diesen Umstand und nahmen in der Stadt an einem Saufgelage teil. Für die mehr als 30 Berittenen war es daher leicht, sich gegen Mitternacht dem Schloss zu nähern. Zwölf Männer drangen über eine Strickleiter ein, verbarrikadierten die Räume der Frauen und raubten die beiden Prinzen, den 14 jährigen Ernst und seinen zwölfjährigen Bruder Albrecht. Letzterem wäre übrigens beinahe die Flucht geglückt: Er versteckte sich, als die Entführer einen anwesenden Grafensohn mit ihm verwechselten. Doch der Irrtum wurde bemerkt, so dass auch Albrecht seinem Schicksal nicht entkam. Das vertauschte Kind ließ man laufen. All dies geschah in der Nacht zum 8. Juli 1455 und ging als Sächsischer Prinzenraub in die Geschichte ein...

Die Täter: Kunz von Kauffungen und seine Freunde

Nachdem die Kurfürstin sich endlich befreien konnte, brauchte sie nicht lange über die Identität der Entführer nachzudenken. Am Morgen überbrachte ein Bote Fehdebriefe der Ritter Wilhelm von Mosen, Wilhelm von Schönfels und Kunz von Kauffungen. Letzterer Name gab Anlass zu schlimmsten Befürchtungen, denn Kunz war Verlierer eines Rechtsstreits mit dem Kurfürsten.


Die Ursache des Prinzenraubes: Ein verlorener Rechtsstreit

Neun Jahre zuvor hatten Kurfürst Friedrich und sein Bruder Krieg gegeneinander geführt. Dabei unterstützte sie der Ritteradel. Immer mehr Dörfer und Landgüter wurden verwüstet. Die beteiligten Ritter hielten sich dafür an eroberten Gebieten schadlos. Als 1451 Frieden geschlossen wurde, enthielt der Vertrag eine brisante Klausel: Beschlagnahmte Gebiete mussten zurückgegeben werden. Für Kunz bedeutete dies eine wirtschaftliche Katastrophe: Er musste eroberte, einträgliche Landgüter abtreten und erhielt seinen ursprünglichen, verwüsteten Besitz zurück. Umgehend verklagte der Ritter den Landesherren. Juristisch gesehen stand seine Sache gar nicht schlecht. Doch kaum ein Richter würde wohl ein Urteil gegen den Kurfürsten fällen! Zudem erhob Friedrich Gegenklage und bezichtigte Kunz jener Verbrechen, die ein Krieg so mit sich bringt: Friedensbruch (!), Raub, Mord. Darauf stand die Todesstrafe. Aus dem Kläger wurde der Beklagte. Am 25. Juni 1455 sollte das Urteil gefällt werden - in Friedrichs Residenz Altenburg. Über den Ausgang gab es keinen Zweifel. Ehe die Richter das Wort ergreifen konnten, erklärte Kunz sie für befangen und verließ den Saal.

Geheime Vorbereitung des Prinzenraubes

Schnell gelang es Kunz von Kauffungen, einige Mitverschwörer aus dem niederen Adel zu finden, welche ähnliche Schwierigkeiten mit Friedrich hatten. Als Verräter im Altenburger Schloss wurde der Küchenknecht Hans Schwalbe angeworben. Kunz begab sich zunächst nach Böhmen, um den Anschein eines Rückzugs zu erwecken. Tatsächlich plante er dabei seine Fluchtroute für die Zeit nach der Tat. Heimlich kehrte Kunz zurück und hielt sich im ungefähr 20 Kilometer von Altenburg entfernten Schloss Kohren versteckt, welches einer befreundeten Familie gehörte.

Nach der Tat: Die Verfolgung beginnt

Nachdem den Rittern der Prinzenraub geglückt war, trennten sie sich wenig später. Eine kleine Gruppe unter Kunz wollte mit Prinz Albrecht über Schwarzenberg nach Böhmen entkommen. Der größere Trupp unter den beiden anderen Rittern flüchtete mit Prinz Ernst über Hartenstein gen Süden. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Entführer bereits rund acht Stunden Vorsprung, denn es dauerte geraume Zeit, bis die trinkfreudige Schlossbesatzung einsatzfähig und durch Freiwillige verstärkt war. Doch ein wesentlich schnellerer Verfolger wurde den Flüchtlingen zum Verhängnis: Der Klang der Sturmglocken hallte über das Land. Brücken und Stadttore wurden geschlossen. Überall hielt man Ausschau nach auffälligen Reitern.

Prinz Albrechts Rettung

Kunz hatte mittlerweile das böhmische Grenzgebiet bei Schwarzenberg erreicht. Vermutlich glaubte er sich bereits in Sicherheit und legte daher eine Rast ein. Ein Einheimischer, vermutlich ein Köhler, entdeckte den Trupp im Wald und meldete dies im nahegelegenen Kloster Grünhain. Dort mobilisierte man alle verfügbaren Männer und nahm die Entführer fest. Kunz wurde im Fuchsturm des Klosters eingesperrt. Später verklärte man diese Begebenheit romantisch zum Zweikampf zwischen Ritter und Köhler.

Das Versteck in der Prinzenhöhle

Der andere Entführertrupp befand sich inzwischen in Schwierigkeiten. Auf der Flucht hatte man in einem Handgemenge mit Bewaffneten sechs Knechte verloren. Die meisten Überlebenden desertierten. Nur Wilhelm von Mosen und Wilhelm von Schönfels sowie zwei Knechte gelangten schließlich mit der Geisel ins Hartensteiner Gebiet. Sie versteckten sich in einer Höhle an der Zwickauer Mulde. Doch die Zeit arbeitete gegen sie. Die Vorräte gingen zur Neige und die Gefahr der Entdeckung stieg. Deshalb schickten die Ritter einen Knecht ins nahe gelegene Schloss Hartenstein: Sie forderten Begnadigung und wollten anderenfalls Prinz Ernst töten. Der einflussreiche Schlossherr willigte ein, worauf die Entführer Prinz Ernst am Schloss Hartenstein auslieferten. Insgeheim gab man ihnen den Rat, nicht allzu sehr auf die Begnadigung zu vertrauen und ließ beide Ritter nach Böhmen entkommen.

Blutiges Ende

Der gefangene Kunz hatte weniger Glück. Am 14. Juli 1455 wurde er in Freiberg geköpft. Auch andere Beteiligte ereilte ihr Schicksal. Ein Entführer endete am Galgen, den verräterischen Küchenknecht folterte und vierteilte man öffentlich. Die Familie Kauffungen wurde enteignet und vertrieben, ein Vetter von Kunz wegen Mitwisserschaft hingerichtet. Andere Mitwisser flohen schleunigst außer Landes. Von den festgenommenen Verdächtigen wurden nur wenige nach längerer Haft begnadigt.

Heutige Spuren des Sächsischen Prinzenraubes

Die Hauptschauplätze sind auch heute noch sichtbar. In der Nähe von Schwarzenberg befindet sich am Fürstenbrunnen eine Gedenktafel. Ein Nachfolgebau des Fuchsturms in Grünhain kann ebenfalls besichtigt werden. Die Prinzenhöhle bei Hartenstein, eine ca. 18 Meter tiefe, künstliche Felsspalte, ist in ihrer Authentizität umstritten, jedoch bei Wanderern recht beliebt. Auf dem Freiberger Markt findet sich bis heute die Stelle, an welcher Kunz enthauptet wurde. Im Altenburger Schloss schließlich lässt sich die Strickleiter besichtigten, welche die finstere Tat der Entführer möglich machte.