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Der Ursprung des Landschaftsnamens


Wenn man das Stadtgebiet von Rheine erreicht, kann man auf dem Ortsschild neben dem Ortsnamen auch den lokalisierenden Zusatz „Kreis Steinfurt“ lesen. Zur Unterscheidung von möglichen anderen Orten dieses Namens und zur Kennzeichnung der übergeordneten Verwaltungszugehörigkeit ist diese Information dem Besucher beigegeben.

„in pago qui dicitur Bursibant, in uilla uocatam [!] Reni“

Eine ähnliche Angabe findet sich auch im Zusammenhang mit der ersten urkundlichen Erwähnung der Siedlung. Damals, am 7. Juni des Jahres 838, als Rheine in das Licht der Geschichte trat, wurde der Ort als villa Reni bezeichnet und als in der Region Bursibant gelegen bezeichnet (RHWf CD I, Nr. 11). Den Kreis Steinfurt gab es damals natürlich noch nicht. Deshalb musste der Ort zur Unterscheidung durch die Region näher gekennzeichnet werden, in der er lag. Natürlich hätte man den Ort damals auch durch die Lage an der Ems lokalisieren können, aber der Schreiber der Urkunde gab damals den Landschaftsnamen an. Doch warum? Hatte diese regionale Verortung eine besondere Funktion? Im Text der Urkunde aus dem Jahr 838 heißt es: „in pago qui dicitur Bursibant, in uilla uocatam [!] Reni“ (RHWf CD I, Nr. 11) – Im pagus genannt Bursibant, in der Siedlung genannt Reni. Doch was bedeutet der Begriff pagus? - Eine Übersetzung des lateinischen Urkundenwortes pagus mit „Gau“, wie dies immer wieder – auch in neuerer Literatur – geschieht, ist zu vermeiden, weil die sogenannte „Gau-Forschung“ den Gau-Begriff politisch aufgeladen hat. Seine politische Dimension erhielt dieser nicht erst in nationalsozialistischer Zeit, wie man annehmen könnte, sondern bereits im 16. Jahrhundert zu Beginn der Beschäftigung mit den lateinischen in-pago-Formeln. In der Kombination des lateinischen Wortes pagus mit einem Raumnamen vermutete man eine politische Struktur, die noch in karolingischer Zeit Gültigkeit besessen haben sollte. Viel Tinte und Papier ist darauf verwendet worden, diese gemutmaßte frühmittelalterliche „Gau-Verfassung“ zu ergründen und darzulegen. Doch lässt sich eine solche Verfassungsstruktur anhand der überlieferten Quellen nicht feststellen! Die häufig fehlenden näheren Informationen und die sich vielfach widersprechenden Hinweise in den Quellen sind nicht mit einem elaborierten politischen Verwaltungssystem zu vereinen. Doch führten diese Quellenarmut und inhaltlichen Widersprüche nicht zum Verwerfen der Vorstellung von einer politischen und administrativen Gau-Struktur, sondern vielmehr zu einer spekulativen und weiter verfeinerten Untergliederung von über- und untergeordneten Bezirken (vgl. den Terminus „Untergau“). Dadurch wurde ein komplexes Bild der frühmittelalterlichen politischen Ordnung entworfen, das es aber in dieser ausdifferenzierten Form sicherlich nicht gegeben hat (vgl. stellvertretend die Arbeiten von Joseph Prinz: Prinz, Territorium, S. 11-43; Prinz, Untersuchungen, in denen sogar nahezu lineare Gau-Grenzen festgelegt werden).


So urteilt der Germanist Paul Derks vollkommen zu recht: „Inzwischen steht auch fest, daß man aus den paar Ortspunkten eines pagus weder dessen Fläche und Umfang noch dessen politische Verfassung rekonstruieren kann.“ Derks kommt u.a. zu diesem treffenden Schluss, weil er feststellen konnte, dass ein und derselbe Ortspunkt zur gleichen Zeit verschiedenen frühmittelalterlichen Landschaften zugeordnet worden sein konnte. So lag z.B. Mimigernoford, das heutige westfälische Münster, nach Aussage des münsterischen Bischofs Altfried (+ 849) in pago Suðergô, nach dem ältesten Werdener Urbar vom Ende des 9. Jahrhunderts aber in pago Dregini (Derks, Weeze, S. 41f.). Es dürfte sich bei den mit pagus bezeichneten Regionen vielmehr um vollkommen unpolitische Landschaftsnamen handeln, wie z.B. das heutige Emsland oder Sauerland. Die Namen selbst weisen vielmehr auf eine naturräumliche Gliederung nach Flüssen und qualitativen Kennzeichen der Landschaft oder auf eine kulturräumliche Beziehung zu germanischen Personenverbänden oder größeren Siedlungen hin. Zudem ist ein großer Teil der frühmittelalterlichen Landschaftsnamen nie mit dem Grundwort althochdeutsch -gewi, altsächsisch -gô „Landschaft an einem Fluß“ gebildet worden, weshalb eine Bezeichnung derselben als „Gau“ nicht zulässig ist (Polenz, S. 1-94). Das gilt auch für den Landschaftsnamen Bursibant.

Der Ursprung des Namens Bursibant

Doch auf welchen Ursprung lässt sich der Name zurückführen? Möglicherweise gibt die namenkundliche Analyse Rückschlüsse auf die Funktion des Raumnamens. Der Landschaftsname wird in drei Urkunden (immer mit der Kennzeichnung als pagus) genannt: 838 Bursibant (Original; RHWf CD I, Nr. 11), 995 Bursibant (Original; RHWf CD I, Nr. 72), 1002 Bursibant (Original; RHWf CD I, Nr. 76). Also hat die sprachliche Analyse von dieser Form auszugehen.

In ihrer „Chronik der Stadt Rheine“ aus dem Jahr 2002 geben die Historiker Thomas Gießmann und Lothar Kurz auch eine ältere Deutung des Namens wieder (Gießmann/Kurz, S. 16). Mit Berufung auf den Domkapitular Adolf Tibus (1817-1894), allerdings ohne Quellenangabe [!], übersetzen sie den ersten Teil bursi mit „sumpfiger Gegend“ und das zweite Glied bant mit Grenzregion (ebd.). Doch ist diese Deutung des Namens korrekt? Richtig ist zumindest erst einmal die Bestimmung der Bildungsweise.

Das Grundwort

Es handelt sich bei dem Namen Bursibant um ein Kompositum, eine Zusammensetzung mit dem Grundwort bant und dem Bestimmungswort bursi. Bei dem Grundwort handelt es sich um altsächsisch *bant, althochdeutsch *banz, das mit „Land, Landstrich“ zu übersetzen ist. Das Wort ist sowohl im Altsächsischen als auch im Althochdeutschen zufällig nicht belegt, doch ist es mit der genannten Bedeutung zu erschließen aus althochdeutsch elibenzo „Fremdling, Ausländer“. (Polenz, S. 137-143; Derks, Sprockhövel, S. 87). Das althochdeutsche Wort eli-benzo war eine Parallelbildung zu eli-lento (zu althochdeutsch lant). Das dem nomen agentis *alja-bant-j-an- zugrundeliegende Substantiv ahd *banz ist also als Synonym zu althochdeutsch lant anzusehen (Polenz, S. 108f. u. 138: germanisch *alja, ahd. elles „anders“ bzw. „nicht“). Eine spezielle Bedeutung „Grenze, Grenzland“ kann also für *bant, *banz nicht nachgewiesen werden (Polenz, S. 139). Ebenso ist eine politische Dimension des Wortes aufgrund seiner Etymologie nicht vorauszusetzen (Polenz, S. 141).

Das Bestimmungswort

Auch im Bestimmungswort des Landschaftsnamens Bursibant findet sich weder ein Hinweis auf „sumpfige Gegend“ noch auf eine politische oder administrative Funktion des benannten Landstrichs. Das Bestimmungswort ist vielmehr an die germanische Pflanzenbezeichnung *burs(a-) anzuschließen, die in mittelhochdeutsch borse, mittelniederdeutsch pors anzutreffen ist und hier speziell den „Porst“ oder den „Gagel“ bezeichnet. Im Falle Bursibants liegt eine Kollektivbildung durch Ableitung mittels des neutralen -ja-Suffixes vor (Polenz, S. 171; Wagner, S. 165f.). Der Landschaftsname Bursibant benennt also eine „Landschaft, in der Porst oder Gagel vorkommt“. Aus pflanzengeographischen Gründen dürfte für die norddeutsche Landschaft Burisbant der Gagel gemeint sein (Wagner, S. 166). Bursibant ist also das „Gagel-Land“, eine Landschaft/Gegend, für die das häufige Vorkommen von Gagel charakteristisch ist.