grunderzeit

Die Gründerzeit


So wie zur vorindustriellen Zeit der Feudalismus gehört, ist der Kapitalismus die Gesellschaftsform des Industriezeitalters. Kapitalismus bedeutet, dass einzelne Menschen – oder auch juristische Personen wie Aktiengesellschaften – das Eigentum an den Produktionsmitteln halten und andere Menschen dafür bezahlen, mit diesen Produktionsmitteln Werte zu schaffen.


Auch zur Zeit des Feudalismus arbeiteten Menschen für andere Menschen, nämlich die Bauern für die Adeligen. Das Recht des Adels, die Bauern für sich arbeiten zu lassen, leitete sich von der Geburt ab, genauer gesagt von seinem Lehen (lat. feudum), dass der Adelige erbte, weil einer seiner Vorfahren es vom Landesherrn erhalten hatte. Das änderte sich mit der Industrialisierung.

Kapitalismus und Industrie

Die industrielle Produktionsweise ermöglicht es auch einem ungelernten Arbeiter, Geld zu verdienen. Ihr ursprüngliches Wesen besteht darin, menschliche Arbeitskraft und handwerkliche Fähigkeiten so weit wie möglich durch Maschinen zu ersetzen. Diese Maschinen kosten Geld und stellen Kapital dar. Bargeld ist flüssiges Kapital; Maschinen, Fabrikgebäude und was dazugehört sind investiertes, gebundenes Kapital. Wer also Kapital hat, kann Unternehmer sein und andere für sich arbeiten lassen. Andererseits benötigt er aber auch die Arbeiter, denn ohne sie können seine Maschinen nicht produzieren, kann sein Kapital keine Erträge abwerfen.

Diese Situation war während der Industrialisierung entstanden. Betrachtet man diese nur von der Seite der Technikgeschichte, übersieht man leicht, dass die ganzen Maschinen, die damals erfunden wurden, ja auch in großer Stückzahl gebaut wurden und in das Eigentum von Unternehmern gelangten. Anders ausgedrückt: Es entstand nicht nur technisches Knowhow, sondern auch Kapital, das dann in den Händen der Unternehmer war. Da hier nun nicht mehr die Geburt mit irgendwelchen angeblich gottgegebenen Rechten und einem feudum, einem Lehen, die Möglichkeit gibt, andere für sich arbeiten zu lassen, sondern der Besitz von Kapital, heißt diese Gesellschaftsform Kapitalismus.

Die Anhäufungen von Kapital, welche in der Gründerzeit entstanden, spiegeln sich in den vielen Unternehmensgründungen wieder, welche dieser Zeit den Namen gaben. In vielen Fällen wurden diese Unternehmen aber eigentlich gar nicht erst jetzt gegründet, sondern hatten bereits vorher bestanden, etwa als Handwerksbetriebe, die jetzt zu Industriebetrieben wurden und Gesellschaftsformen wie GmbH oder AG annahmen.

Der Kapitalismus in der Gründerzeit

Im Prinzip braucht im Kapitalismus das Kapital die Arbeit und die Arbeit das Kapital. Wie gut die Arbeit dabei wegkommt, hängt vom Verhältnis zwischen dem Bedarf und dem Angebot an Arbeitskraft ab. Dieses Verhältnis war in der Gründerzeit vielerorts sehr günstig für die Unternehmer, denn auf dem Land ging es den Menschen nicht besonders gut, so dass einerseits sie in Massen in die Städte strömten wo sie sich ein besseres Leben als Arbeiter erhofften.

Andererseits ist es aber auch das Wesen der industriellen Produktionsweise, Arbeitskraft einzusparen, so dass im Endeffekt mehr Arbeiter als Arbeitsplätze da waren, zumal die Arbeiter an den Maschinen praktisch beliebig austauschbar waren. Wenn jemand also einen Job für den gebotenen Hungerlohn nicht machen wollte, konnte er gerne gehen, denn es standen bereits zwei weitere vor der Tür, die bereit waren, ihn für noch weniger Geld zu tun.

Lebensverhältnisse in der Gründerzeit

Da der Mensch von Natur aus meist gnadenlos ist, nutzten die meisten Unternehmer die Situation weidlich aus und bereicherten sich schamlos. Das ist neben dem technischen Fortschritt der Grund dafür, dass damals in kurzer Zeit große Unternehmen entstanden und Unternehmer fast über Nacht reich wurden.

Die Arbeiterklasse lebte in unvorstellbarem Elend. Neben Arbeit war auch Wohnraum knapp und Hausbesitzer konnten sich eine goldene Nase verdienen, in dem sie auch das letzte Loch noch zu horrenden Preisen vermieteten. Um die teuren Wohnungsmieten zu bezahlen, vermieteten viele Haushalte unter. Teilweise wurden sogar einzelne Betten mehrfach vermietet, an Leute, die in entgegengesetzten Schichten arbeiteten und daher zu unterschiedlichen Zeiten schliefen.

Hausangestellte verdienten damals so wenig, dass Dienstmädchen oft nebenher auf den Strich gingen. Dabei infizierten sie sich nicht selten mit Syphilis. Da sie aber auch häufig ihrem Dienstherrn zu Willen sein mussten, übertrugen sie die Krankheit auf diesen, der dann wieder seine Ehefrau ansteckte und die wiederum, vielfach bereits bei der Geburt, ihre Kinder.

Folgen der Verelendung

Die Verelendung der Masse hatte natürlich auch volkswirtschaftliche Folgen. Wo niemand etwas verdient, kann auch niemand etwas kaufen. Zunächst konnte dieser Effekt durch den Export kompensiert werden, was aber auch nicht lange gut ging. Was im Schrifttum über den Börsenkrach von 1873 vornehm mit „Überkapazitäten“ umschrieben wird, ist nichts anderes als der Umstand, dass die Arbeiter die von ihnen produzierten Waren aufgrund ihres geringen Einkommens nicht kaufen konnten.

Eng mit der Industrialisierung hängt auch die Arbeiterbewegung zusammen. Aus ihr gingen Arbeiterbünde und Gewerkschaften hervor, in denen organisiert sich die Arbeiter daran machten, ihre Lage zu verbessern. Natürlich stießen sie dabei auf erheblichen Widerstand. Mit der Zeit gelang es ihnen jedoch, menschenwürdige Löhne und Arbeitsbedingungen zu erkämpfen und ihre Lage weiter stetig zu verbessern. Erst im späten 20. Jahrhundert bekam das Kapital wieder die Oberhand und ist derzeit dabei, Arbeiter und kleine Angestellte erneut verelenden zu lassen.