Die Langen Kerls der preußischen Armee

Die Langen Kerls waren mehr als nur eine royale Marotte. Insbesondere für das politische Prestige waren die preußischen Riesengardisten von erheblicher Bedeutung.

Der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm (1688-1740) stellte 1710 aus eigenen Mitteln eine Wach-und Exerziertruppe auf. Wegen ihrer Uniformfarbe und zur Abgrenzung zu den “Weißen Grenadieren” in der Garde des regierenden Königs Friedrich I. wurde die Einheit “Rothes Bataillon Grenadiers” genannt. Keiner der bald allgemein als “Lange Kerls” bekannten kronprinzlichen Privatsoldaten war kleiner als sechs rheinländische Fuß (= 1,88 Meter).

Semper talis

Bald nach seiner Thronbesteigung (1713) ließ “Soldatenkönig” Friedrich Wilhelm I. die “Roten Grenadiere” mit dem bisherigen “Regiment Kronprinz” (Nr.6) zum (blauuniformierten) “Langen Potsdamschem Königsregiment” (Nr.6) vereinigen. Als Motto für das neue Regiment bestimmte Friedrich Wilhelm I. “Semper talis” ( “Immer die Gleichen”). Die drei Bataillone des Königsregiments und dessen Unrangierten-Korps ließ er nach und nach in seiner Mustergarnison Potsdam konzentrieren. Bei seinem Tod 1740 war das Regiment 4.000 Mann stark.

Truppe von langen Exoten

Der “Soldatenkönig” hatte den Ehrgeiz für die Regimenter seiner Armee und insbesondere für seine Garde nur überdurchschnittlich große Männer zu rekrutieren. In der etwas spöttisch auch “Potsdamer Riesengarde” genannten Elite-Truppe des Königs haben zeitweise Dutzende von Soldaten mit mehr als zwei Meter Körperlänge gedient. Der längste “Lange Kerl”, der Ire James Kirkland, soll angeblich 2,19 Meter groß gewesen sein. Den Ersatz für die erheblichen Abgänge des Regiments durch Alter, Krankheit, Tod und Desertion stellten Werbekommandos sicher, die mit den damals üblichen rabiaten Mitteln oder durch Überredung hochgewachsene Männer aus Preußen oder aus dem Ausland in den Gardedienst holten beziehungsweise pressten. Der Anteil von Rekruten aus dem nichtdeutschsprachigen Ausland war sehr hoch. Häufig wurden auch besonders große Soldaten aus anderen preußischen Regimentern nach Potsdam versetzt.

Soldatenkönig mit 1,60 Meter Normalmaß

Der mit 1,60 Meter Körperlänge für seine Zeit durchschnittlich gewachsene König hat in seiner übertriebenen Leidenschaft für “Lange Kerls” im Einzelfall seine sonst sprichwörtliche Sparsamkeit vergessen und manchmal horrende Handgelder bezahlt. Die “Langen Kerls” wurden besser besoldet und versorgt als andere preußische Soldaten. Dieser Vorteil wurde durch den Nachteil eines strengeren Dienstes direkt unter dem Auge des nicht allzu geduldigen, meist in Potsdam residierenden “Soldatenkönigs” aufgehoben.

Politische Prestigebringer und militärische Testabteilung

Des Königs Passion für seine “lieben blauen Kinder” war keine einmalige Erscheinung. Auch andere Fürsten umgaben sich gern mit großgewachsenen Gardisten, allerdings keiner in dem Umfang wie Friedrich Wilhelm I.. Die “Langen Kerls” waren mehr als nur eine Marotte des “Soldatenkönigs”. Sie dienten zum Aufbau von politisch wichtigem Prestige durch den Unterhalt einer “formidablen”, das heißt, einer schon durch ihren bloßen Anblick furchterregenden Truppe. In gewisser Weise waren die “Langen Kerls” Ersatz für die vom “Soldatenkönig” nach der Thronbesteigung fast gänzlich abgeschaffte kostspielige, und deshalb prestigebringende, Hofhaltung. Vor allem aber war das Königsregiment Lehr-Einheit zur praktischen Umsetzung immer wirkungsvollerer Exerzier-Reglements für die Handhabung des Gewehrs und der Bewegung in Formationen. Die später so bewunderte und gefürchtete friderizianische Militärmaschine, die sich durch exakte Manöver im Feld und die außergewöhnlich rasche Schußfolge ihres “Rollenden Feuers” auszeichnete, läßt sich direkt auf die “Langen Kerls” zurückführen.

Einziger Kriegseinsatz der Langen Kerls

Die langen und kostspieligen Königssoldaten mit den charakteristischen hohen Grenadiermützen wurden nur einmal im Ernstfall eingesetzt. Während des Nordischen Krieges erstürmten sie 1715 Stralsund.

Ende und Tradition der Langen Kerls

Nach dem Tode seines Vaters (1740) löste sein Nachfolger Friedrich II. das Königsregiment auf. Ein Bataillon blieb als Grenadier-Garde-Bataillon (Nr.6) mit 850 Mann bestehen. Die restlichen Mannschaften wurden auf neugegründete Gardeeinheiten und auf andere Regimenter verteilt oder verabschiedet. Friedrich II. führte den Kult um die Länge der Leibsoldaten nicht fort. Seine Gardisten waren selten größer als 1,80 Meter. Aus den Resten des 1806 zerschlagenen Garde-Grenadier-Bataillons schuf König Friedrich Wilhelm III. das 1.Garderegiment zu Fuß, dessen beiden Grenadier-Bataillone die “Semper talis”-Tradition fortführten. In der wilhelminischen Zeit mussten die Soldaten des 1.Garderegiments ein “Gardemaß” von mindestens 1,82 Meter haben. Nach dem 1.Weltkrieg übenahm die 1.Kompanie des 9. (preußischen) Infanterie-Regiments der Reichswehr ( ab 1935 IR 9) die Traditionspflege der “Langen Kerls”. Daran knüpfte 1961 das Wachbataillon der Bundeswehr an.

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