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Die Normannen in Süditalien


Nachdem sie in Frankreich ein erstes eigenes Reich gegründet hatten, zog es die Wikinger noch weiter. Nicht nur in England, sondern auch in Süditalien wurden sie heimisch.

Anfang des 11. Jahrhunderts machte sich im Norden Frankreichs ein Volk auf, um die Welt in Staunen zu versetzen. Der berühmteste und herausragendste Erbe dieses Volkes erhielt rund 200 Jahre sogar den Beinamen „Stupor Mundi“, das Staunen der Welt. Friedrich II. war zwar als Erbe seines Vaters Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, doch er war ebenso ein Erbe seiner Mutter Konstanze, Erbin des sizilischen Throns von eben jenen Männern, die sich ungefähr im Jahr 1016 aufmachten, um im italienischen Süden ihr Glück zu versuchen.

Pilger werden zu Söldnern


Es gibt zwei Versionen, wie die Normannen nach Süditalien gelangten. Wilhelm von Apulien berichtet von einer Gruppe Pilger, die auf dem Rückweg aus dem Heiligen Land am Sporn der Halbinsel das Heiligtum Monte Sant’Angelo besuchten. Sie trafen hier auf einen langobardischen Edelmann namens Melus, der ihnen erzählte, dass er nach einem missglückten Aufstandsversuch gegen die Byzantiner, die zu dieser Zeit den größten Teil Süditaliens beherrschten, hier in der Verbannung lebte. Laut Wilhelm machte er es den Männern aus dem Norden schmackhaft, für die Freiheit der Langobarden zu kämpfen. Ein weiterer Chronist namens Amatus berichtet hingegen, eine Gruppe normannischer Pilger sei bereits im Jahr 999 aus dem Heiligen Land nach Salerno gekommen. Sie wären vom regierenden Fürsten Gaimar IV. empfangen worden. Allerdings wurde ihr Besuch durch einen Überfall der Sarazenen rüde unterbrochen. Die Normannen griffen zu den Waffen und verteidigten die Stadt. Beeindruckt von dieser Tatkraft bot Gaimar ihnen reiche Belohnung, wenn sie blieben. Sie kehrten jedoch zurück in die Normandie. Begleitet wurden sie von Boten des langobardischen Fürsten. Schnell verbreitete sich daraufhin die Kunde vom Land in dem die Zitronen blühen und in der jeder, der ein Schwert zu führen wusste auf Ruhm und Lohn hoffen konnte.

Nachgeborene Söhne, Glücksritter und Abenteurer folgen dem Ruf in den Süden

Welcher der Berichte tatsächlich zutrifft, lässt sich heute nicht mehr sagen. Tatsache ist jedoch, dass Anfang des 11. Jahrhunderts tatsächlich eine Vielzahl von Normannen aufbrach, um sich in Süditalien ein Auskommen zu schaffen. Nachgeborene Söhne von Lehensmännern und Grundbesitzern, die nicht erbberechtigt waren, sowie das übliche Volk von Söldnern, Spielern und Abenteurern folgten dem Ruf. Im Dienst der langobardischen Herren von Benevent, Capua und Salerno, die noch immer von einem unabhängigen und geeinten Langobardenreich träumten, erhoffte sich wohl so mancher Krieger, der nichts besaß außer seinem Schwert und der Fähigkeit damit umzugehen, sein Glück zu machen. Sollte das als Anreiz nicht ausreichen, ließ sich das Unternehmen auch noch vor Gott und der Kirche rechtfertigen. Schließlich unterstützte man die langobardischen Glaubensbrüder im Kampf gegen die orthodoxen Häretiker.

Die erste Schlacht geht verloren

So fand sich im Sommer 1017 ein zusammengewürfelter Haufen, bestehend aus normannischen und langobardischen Kriegern, am Ufer des Ofanto wieder, um die Byzantiner mit einem Überraschungsschlag aus Italien zu vertreiben. Das Heer erlitt eine bittere Niederlage. Die Langobarden wurden nahezu ausgelöscht. Wilhelm berichtet, dass ihr Anführer Melus fliehen musste. Er fand bei Kaiser Heinrich II. in Bamberg Zuflucht, der seine eigenen Differenzen mit den Byzantinern hatte. Dort starb der Langobarde zwei Jahre später, wie Wilhelm von Apulien berichtet, ohne dass er seinem Ziel von einem unabhängigen, geeinten Langobardenreich näher gekommen wäre. Im Gegenteil: Durch sein Zutun war ein Prozess in Gang geraten, der ein langobardisches Reich für immer ad acta legte.

Neue Aufgabe im Schmelztiegel Süditaliens

Denn die Normannen unter ihrem Führer Gilbert hatten zwar auch herbe Verluste einstecken müssen, aber sie hatten auch ihren Ruf als furchterregende Krieger bestätigt und Lust bekommen auf mehr. Süditalien war ein Schmelztiegel. Vier Nationen – Langobarden, Byzantiner, Deutsche und Sarazenen – und drei Religionen in einer Vielzahl von unabhängigen, teils abhängigen und abhängigen Fürstentümern und Städten kämpften hier um die Vorherrschaft, Freiheit oder Interessen – je nachdem wie sich die politische Gesamtlage gerade darbot. Mutige Kämpfer konnten alle Parteien gebrauchen: ein Paradies für die Normannen. Zunächst zogen sie sich in die Berge zurück, um ihre Wunde zu lecken und einen geeigneten Ausgangspunkt für weitere Taten zu finden. Unter der Führung von Rainulf, einem Bruder des gefallenen Gilbert, fingen sie sich wieder, unterstützt von einem steten Zustrom an Neulingen aus der Heimat. Teile der Normannen traten in Gaimars Dienste, andere schlossen sich seinem Schwager und Rivalen Pandulf von Capua an, wieder andere zog es eher nach Neapel, Amalfi oder Gaeta und etwa ein Jahr später, zog die erste normannische Schar sogar für die Byzantiner in die Schlacht.

Die Normannen wurden zu Söldnern, die ihre Loyalität und Stärke meistbietend an den Mann brachten. Wohl niemand unter ihnen, besaß zu diesem Zeitpunkt genügend Weitblick, um die Chance zu sehen, die sich hier einem tatkräftigen Mann mit genügend Charisma bot, wenn er die Normannen einen würde. Paradoxerweise legten sie damit den Grundstein für ihren späteren Aufstieg und Niedergang.

Zünglein an der Waage der Machtverhältnisse

Denn als Einheit waren sie zu schwach und zahlenmäßig unterlegen, als dass sie auf Eroberungszug hätten gehen können. Als kämpfende Truppe für Langobarden, Byzantiner oder den deutschen Kaiser hingegen, waren sie jedoch stark genug, um häufig genug das Zünglein an der Waage zu sein. Indem sie ihre Kampfkraft aufteilten, sorgten sie dafür, dass niemand in Süditalien dauerhaft die Oberhand behalten konnte. Dadurch blieb der Weg frei für einen Normannen der nächsten Generation sich das gesamte Gebiet untertan zu machen. Der erste, der von dieser flexiblen Haltung profitierte war Rainulf. Als Lohn für seinen Kampf gegen Pandulf von Capua, der nicht nur mit den Byzantinern, sondern auch mit seinen langobardischen Vettern und dem deutschen Kaiser im Streit lag, erhielt er 1030 die Stadt Aversa als Lehen und die Hand der Witwe des Herzogs von Gaeta. Damit änderte sich alles. Die Normannen waren nun keine Söldner mehr, sondern ihr gewählter Anführer besaß nun Land, das er und alle anderen ihr eigen nennen konnten.