weltwirtschaftskrise

Die Weltwirtschaftskrise von 1873 in Deutschland


Die Aufbruchstimmung des Frühkapitalismus gipfelte in Deutschland in den Gründerjahren. Ein unerwartet jähes Ende fand sie mit der Weltwirtschaftskrise von 1873.


Es hatte doch alles so gut angefangen. Endlich war es Deutschland gelungen, Englands Vorsprung in der Industrialisierung halbwegs einzuholen. Aus der gesammelten Kleinstaaterei war 1871 ein großes deutsches Kaiserreich ohne Binnengrenzen geworden, man fühlte sich mächtig in Deutschland. Und dann hatte auch noch der gewonnene Krieg gegen Frankreich blanke Taler in die Taschen gebracht. Jeder hatte nur noch rosige Zeiten erwartet. Aber dann?

Die Chronologie der Finanzkrise - von Februar bis Ende 1873, von ersten Gerüchten bis zum Börsenkrach

Im Februar 1873 kamen erste Gerüchte auf, mit der Pariser Börse stimme etwas nicht, sie stehe kurz vor einer Panik. Bei den hohen Kontributionszahlungen von vier Milliarden Goldmark, die Frankreich an Deutschland leistete, konnte das niemanden wirklich verwundern, und so nahm man diese Gerüchte durchaus ernst. Die österreichische Kreditanstalt reagierte als erste; Ende April verkaufte sie auf einen Schlag Wertpapiere für 20 Millionen Gulden. Entsprechend fielen die Kurse.

Der Schwarze Freitag an der Wiener Börse

Österreich hatte zusätzliche Schwierigkeiten. Am 1. Mai war die Weltausstellung in Wien eröffnet worden. Sie hatte sehr viel mehr Geld gekostet, als man vorher veranschlagt hatte. Und die Hoffnung, sie würde auch viel einbringen, trog; bald war abzusehen, dass die Gästezahlen weit hinter den Erwartungen zurückbleiben und viele Betriebe Schulden zurückbehalten würden.

Am 9. Mai war ein angesehenes Wiener Kommissionshaus bankrott. Die Kurse an der Wiener Börse, die recht stabil auf einem Durchschnittswert von etwa 180 Gulden gelegen hatten, fielen bis Börsenschluss auf 10 Gulden. 120 österreichische Unternehmer meldeten Konkurs an. Man sollte diesen Tag später den Schwarzen Freitag nennen; der Börsencrash von 1929 sollte diesen Namen übernehmen, obwohl er an einem Donnerstag stattfand. Dies erste Trauma der internationalen Finanzmärkte würde tiefe Narben hinterlassen.

Innerhalb weniger Tage gingen 300 österreichische Firmen pleite. Die Wiener Börse stellte zeitweise ihren Betrieb völlig ein, und Spekulanten brachten sich reihenweise um. Die Banken vergaben keine Kredite mehr, Wechsel wurden nicht mehr akzeptiert, und wer etwas haben wollte, musste es bar bezahlen, Adlige und Industrielle eingeschlossen.

Einige Wochen später wurden auch von den Börsen in New York und London Schwierigkeiten gemeldet.

Und dann erreichte die Krise Berlin.

Im November wurde bekannt, dass amerikanische Eisenbahn-Obligationen im Wert von 207 Millionen Dollar nicht mehr bedient würden, sowohl hinsichtlich der Zinsen wie auch der späteren Rückzahlung. 207 Millionen Dollar waren plötzlich einfach nicht mehr da. Wo waren sie hin? Waren sie nicht eben noch da gewesen? Keiner konnte es so recht verstehen.

Deutsche Investoren, die ihr Geld in amerikanische Anleihen investiert hatten, witterten Schwierigkeiten. Die Börse von New York war doch nicht so weit entfernt, wie man gedacht hatte. Es brach eine Panik aus. Jeder versuchte seine Wertpapiere so schnell wie möglich loszuschlagen. Als erste bedeutende Gesellschaft ging die Quistorpsche Vereinsbank in Berlin in Konkurs, eine der größten Gründerbanken. Sie hatte sich in Amerika engagiert und zog 31 Unternehmen mit sich in den Abgrund. Es geschah das Unvermeidliche: Aktien überschwemmten die Börse. Die Kurse fielen ins Bodenlose.

Der große Krach ist da - und nach ihm die Depression

Es war nicht mehr länger nur der Wirtschaftsteil der Zeitungen, der sich mit Aktiengesellschaften und ähnlichen Themen befasste. Auf den ersten Seiten wurde nun über „den Börsenkrach“ geschrieben. Bald hieß es nur noch „der Krach“. Jeden Tag wurde über Insolvenzen berichtet, hinzu kamen Selbstmorde von Menschen, die sich vorige Woche noch für wohlhabend gehalten hatten und es nun plötzlich nicht mehr waren. Es kam zu einer Häufung unerklärlicher Brände in Firmen, die in Schwierigkeiten geraten, aber zum Glück gut versichert waren.

Am Ende des Jahres waren in Deutschland 61 Banken, 116 Industrieunternehmen und vier Eisenbahngesellschaften pleite. Die deutsche Wirtschaft sollte Jahrzehnte brauchen, um sich völlig zu erholen.

Wie konnte es in Deutschland zu einer so schweren Wirtschaftskrise kommen?

- Der Gründerboom in Deutschland hatte begonnen mit dem Ende des Krieges gegen Frankreich. Die Kontributionszahlungen, die das Deutsche Reich im Frieden von Versailles ausgehandelt hatte, benutzte es dazu, seine Kriegsanleihen so schnell wie möglich zu bezahlen. Dadurch wurde Geld ins Volk gespült, das die Aktienkurse hochtrieb. Dies führte zu weiteren zügellosen Spekulationen. Die Kurse schienen nur noch eine Richtung zu kennen: nach oben. Die erste Finanzblase der Geschichte war da.

- 1870 war in Preußen die Konzessionspflicht für Aktiengesellschaften aufgehoben worden. Neue Aktiengesellschaften schossen wie Pilze aus dem Boden, oft genug nur mit kurzfristigen Krediten finanziert und ohne irgendwelche tatsächlichen Werte. Auch neue Banken etablierten sich, die ebenfalls nur von Spekulationen lebten. Manche Gründungen machten nicht einmal mehr den Versuch, irgendwelche Werte zu schaffen, sondern verließen sich nur noch auf die steigenden Aktienkurse.

- Die Wirtschaftsweise der Gründerzeit hatte zu einer Überproduktion von Waren geführt bei einer gleichzeitigen Massenverelendung breiter Bevölkerungsschichten. Als die Finanzblase geplatzt war, waren die Lager voll, aber es gab nicht mehr die Kaufkraft, all diese Waren abzusetzen. Dies führte zu einer mehr als zwei Jahrzehnte langen Depression, die zwar hin und wieder von kurzen Aufschwüngen unterbrochen war, aber deren Nachwirkungen - und vor allem deren Trauma - im Grunde bis ins 20. Jahrhundert anhielten.

Personifiziert waren die Gründerjahre ebenso wie die Gründerkrise in der Person des Eisenbahnkönigs Strousberg, der zuerst mit zweifelhaften Methoden zu sagenhaftem Reichtum und Einfluss kam, zur Finanzkrise der Gründerzeit damit wesentlich beitrug, und dann völlig verarmt starb.