Kindszeugung: im Mittelalter eine zwiespältige Angelegenheit


Der große Abaelard – Philosoph und Mönch im zwölften Jahrhundert, fragte in einer seiner Predigten: Gibt es ein drückenderes Joch als das eines Menschen, der nicht Herr über seinen Körper ist? Gibt es ein beschwerlicheres Leben als das eines Mannes, der täglich mühselig für Frau und Kinder sorgen muss? Gibt es ein Leben, das der Anbetung Gottes weniger förderlicher ist als das eines Mannes, der durch so viele Bande an die Welt gebunden ist?


Weltliche Gelehrte, die Unterweisungsbücher für Frauen verfassten, ließen das Thema Kinder einfach unter den Tisch fallen. Sie ließen sich lieber darüber aus, wie die Frau ihre Keuschheit bewahren und ihre ehelichen Pflichten erfüllen soll. Mutter sein und mütterliche Pflichten werden nur beiläufig erwähnt. In der weltlichen Literatur wird ernsthaft das Argument hervorgebracht, warum Kinder "eine schwere Strafe“ seien: Nicht weil sie die Frucht der Fleischeslust seien, auch nicht weil sie den Menschen an der Hingabe an Gott hindern, sondern weil Kinder Kummer und Sorgen mit sich bringen, Geld kosten, Leiden verursachen und Männer zu Sklaven ihrer Ehefrauen machen.

Nicht die Liebe der Eltern zu ihren Kindern ist die wichtigste Aufgabe

Einige Geistliche des Mittelalters und Verfasser moralischer Schriften rügten Eltern, die sich ausgiebig um ihre Kinder kümmerten und mit ehrgeizigen Plänen für den Nachwuchs die Sünde des Stolzes auf sich zogen. Die geistliche Welt plädierte nicht nur für die Enthaltsamkeit, sondern hielt die Liebe der Eltern zu ihren Kindern auch nicht für deren wichtigste Aufgabe. Denn um alle Bedürfnisse ihrer Kinder zu erfüllen, verschwendeten solche Eltern ihre Zeit mit mühseliger Arbeit, versagten sich sogar das Essen und verpfändeten Hab und Gut. Sie würden den Zehnten nicht zahlen und gäben den Armen keine Almosen. Die Kinder wurden nicht nur als Quelle von Kummer und Leid gesehen, sondern auch als Hindernis, Gutes zu tun und die eigene Seele zu retten. Die mittelalterlichen Kirchenschriftsteller waren von dem Glauben beseelt, dass die völlige Hingabe an Gott das erstrebenswerteste und höchste Gut ist. Sie lobten jene Männer und Frauen, die der Welt entsagten und einen Mönchsorden beitraten. Selbst wenn dies zur Folge hatte, dass sie ihre Kinder im Stich ließen. Die Rechtfertigung, die eigenen Kinder zu verlassen, um sich Gott zu weihen, findet sich in einer ganzen Reihe von Heiligenviten.

Das Christentum verhielt sich ambivalent zur Kindszeugung

Die Haltung des Christentums war in der Frage der Kindszeugung nicht eindeutig. Da ihm menschliches Leben heilig ist, lehnte es nicht nur die Tötung Neugeborener ab, sondern auch die behinderter und unehelicher Kinder sowie die Abtreibung und Kindsaussetzung. Der Apostel Paulus, ein wichtiger Vertreter des Christentums, aber mit einem frauenfeindlichen Bild behaftet, betrachtete die Ehe als ein Zugeständnis an die Schwäche des Fleisches: "Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren“, 1 Kor 7,9. Paulus betrachtete die Zeugung nicht als vorrangigen Zweck der Ehe, dennoch war die Zeugung von Nachkommen ein Zweck der Ehe und der Hauptrechtfertigungsgrund für sexuelle Beziehungen in der Ehe. Schließlich sollte die Ehe auch die Unzucht verhüten.

Die Geistlichkeit unterschied klar zwischen Laien und jenen, die sich für ein Leben in Keuschheit im Schoß der Kirche entschieden. Die Laien wurden ermahnt, zu heiraten und Kinder zu zeugen. Die Priester tadelten Junggesellen, die aus wirtschaftlichen Gründen nicht heirateten, und Männer die "Onans Sünde“ (Coitus interruptus) begingen oder ihren ehelichen Pflichten nicht nachkamen aus Furcht, weitere Kinder zu zeugen, die sie wegen Armut nicht ernähren könnten.

Die Lehren Aristoteles veränderten die Sichtweise der Kindszeugung

Ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts fanden die Lehren Aristoteles weite Verbreitung. Aristoteles betrachtete die Zeugung als natürliches Verlangen und die Familie als eine erste grundlegende Gemeinschaft innerhalb menschlichen Miteinanders. Davon ließ sich Thomas von Aquin und andere Gelehrte jener Zeit anstecken und behaupteten, der Wunsch, Kinder zu zeugen, sei in einem Naturtrieb begründet. Viele Söhne zu haben, galt als Segen und war gleichbedeutend mit irdischem Reichtum. Philipp von Novara (mittelalterlicher Chronist 1195-1265) schrieb, der Verzicht auf die Freuden des Lebens, um Gott zu dienen und das Seelenheil zu erlangen, sei zwar Reichtum für die Seele, aber viele Kinder auch Reichtum für den Körper, weil eine Quelle der Freude für ihre Eltern. Diese würden sie nicht gegen alle Schätze der Welt eintauschen. Durch die Annahme des Namens ihres Vaters würden sie sein und seiner Vorväter Andenken verewigen. - So änderte sich innerhalb zweier Jahrhunderte die Sicht, Kinder in die Welt zu setzen. Wenn auch die Gottesfürchtigkeit jener Zeit und die Sorge um das Seelenheil weiterhin einen wichtigen Platz im Leben einnahmen.