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Mittelalterliche Klostermedizin und Hildegard von Bingen


Die mittelalterliche Klostermedizin ist keine einheitliche Lehre, sondern die Gesamtheit dessen, was in den westeuropäischen Klostern als Heilkunde praktiziert wurde. Benedikt von Nursia initiierte ihre Anfänge, als er im 6. Jahrhundert n. Chr. ein eigenes Kloster auf dem italienischen Monte Cassino grüdete, das Mutterkloster des Benediktinerordens. Dazu schuf er ein umfassendes Regelwerk - die Regula - die später von der römischen Kirche als verbindlich erklärt wurde. In 73 Artikeln wird darin ein detaillierter Lebensplan für die Mönchsgemeinschaft entworfen. Das 36. Kapitel daraus, das die Pflege der Kranken behandelt, ist berühmt geworden: "Die Sorge für die Kranken steht vor und über allen anderen Pflichten ... Die Kranken dürfen ihrerseits keine übertriebenen Ansprüche stellen; man muss ihnen gegenüber jedoch Geduld aufbringen." Dies war sozusagen die Geburtsstunde der Klostermedizin. Gleichzeitig gab es gewaltige gesellschaftliche und politische Umwälzungen in Europa, denn, beginnend im Jahr 543, suchte die Pest in mehr als zehn Zügen die Mittelmeerländer heim und verursachte letztendlich den Zusammenbruch der auch auf medizinischem Gebiet hochstehenden römischen Kultur. Während in der Folgezeit die Mehrheit der Bevölkerung Westeuropas in den Kriegswirren und während der verschiedenen Pestzüge ins Analphabetentum fiel, blühten mehrere Jahrhunderte lang Kunst, Kultur und Medizin in den Klöstern.

Quellen des mittelalterlichen medizinischen Wissens

Cassiodor, ein Ordensbruder Benedikts, schuf die "Institutiones", einen weiteren Baustein zur Entwicklung der Klostermedizin. Hier schreibt er: "Lernet die Eigenschaften der Kräuter und die Mischungen der Arzneien kennen ..." Cassiodor empfiehlt seinen Brüdern auch das Studium der wichtigsten medizinischen Schriften: Deren bedeutendste war wohl die "Materia medica" des griechischen Arztes Dioskurides, die um 60-70 n. Chr. entstanden ist. Sie beschreibt die Wirkung von mehr als 500 Pflanzen auf den menschlichen Körper. Auch die Bücher der bedeutendsten Ärzte der Antike, des Galen und des Hippokrates, wurden von Cassiodor als Lektüre empfohlen. Später kam unter Anderem noch die "Naturalis historia" hinzu, eine Natur-Enzyklopädie von Plinius Secundus dem Älteren. Das älteste erhaltene, auf deutschem Boden entstandene Werk der Klostermedizin ist das "Lorscher Arzneibuch", eine Handschrift, die wahrscheinlich noch vor dem Jahr 800 in der Reichsabtei Lorsch verfasst wurde. Um das Jahr 830 wurde - vermutlich in der Abtei Reichenau am Bodensee - der Plan eines idealen Klosters gezeichnet. Heute trägt dieser den Namen "St. Gallener Klosterplan" und zeigt sowohl ein "Infirmarium", d. h. eine eigene Krankenstation in einem gesonderten Gebäude, als auch eine Apotheke und einen Kräutergarten.


Erste Lehren der mittelalterlichen Klostermedizin

Der "Macer floridus", ein Gedichtwerk in Hexametern, der von einem Odo Magduniensis aus Meung sur Loire verfasst worden sein soll, beschreibt die medizinische Wirkung der Pflanzen. Er basiert auf der sogenannten Humoralpathologie, welche Krankheit und Gesundheit basierend auf den vier Körpersäften zu erklären versucht: Blut, Weißschleim, Gelbgalle und Schwarzgalle. Diese Sichtweise ist zwischen 400 und 600 v. Chr. von griechischen Naturphilosophen und Ärzten entwickelt worden: Jeder Gegenstand und jeder Mensch besteht aus einer Mischung der vier Grundelemente Feuer, Wasser, Luft und Erde. Und jedem dieser vier Elemente ist einer der vier Körpersäfte zugeordnet. Je nachdem, welcher dieser vier Säfte in einem Menschen dominiert, ist sein Charakter oder der Gesundheitszustand beschaffen. Abgestimmt darauf, wurden die jeweils dafür geeigneten Pflanzen ausgesucht, denen man vier sogenannte Primär-Qualitäten zugeordnet hatte. Dieses Vierersystem wurde im "Macer floridus" erstmalig praktiziert. Der Benediktinermönch "Constantinius Africanus" im Kloster Monte Cassino, ein ehemaliger Gewürzhändler, fasste dieses System erst im 11. Jahrhundert vollständig zusammen. Indem sie seine diversen Schriften nutzte, stieg die Medizinschule von Salerno bald zur ersten medizinischen Universität auf.

Die Lehre der Hildegard von Bingen - 1098-1179

Die medizinischen Schriften, die Hildegard von Bingen zugeschrieben werden und erst lange nach ihrem Tod niedergeschrieben wurden, beruhen ebenfalls auf der Humoralpathologie, der Viersäftelehre. Ihr Werk war das Letzte und gleichzeitig Größte aus der Zeit der Klostermedizin. Obwohl sich Hildegard selbst als "indocta", als Ungebildete bezeichnete, verfasste sie ein Buch zur Natur-und Heilkunde - "Das Buch von den feinstofflichen Eigenschaften der verschiedenen Naturen der geschaffenen Wesen": 1533 wurde es in Straßburg gedruckt und in zwei Bücher geteilt. Der erste Teil, "Physica" genannt, enthält einen großen Abschnitt über Heilpflanzen mit mehr als 200 Kapiteln. Hildegard ließ in ihre medizinischen Werke auch religiöse und theologische Betrachtungen einfließen. Doch war diesem Werk seinerzeit kein großer Erfolg beschieden, denn zu dieser Zeit waren die großen drogenkundlichen Ausarbeitungen der Medizinschule in Salerno bereits fertiggestellt und in ganz Europa verbreitet. Danach entstanden in der Klostermedizin keine großen Werke mehr, denn bereits im 12. Jahrhundert hatte man damit begonnen, die medizinischen Schriften aus Salerno in die Klosterbibliotheken aufzunehmen. Im 18. Jahrhundert erlebte die Klosterkultur noch einmal eine kurze Blüte und es gibt in verschiedenen Ländern immer noch Klöster, die ihre Arzneien und Gesundheitsmittel selbst herstellen.