dunkelgrafin

Rätsel in Hildburghausen: Die Dunkelgräfin


Ihr geheimnisvolles Leben bietet genau den Stoff, der trockene Geschichtsfakten erst lebendig werden lässt: Nachweisbare Fakten, vermischt mit mysteriösem Geschehen, interessanten Details und Vermutungen an der Grenze zur Wahrscheinlichkeit.


Die Frau, die der Nachwelt ungewollt ein solch faszinierendes, immer noch ungelöstes Rätsel stellte, hat bislang keinen Namen. In der Legende jedoch heißt sie seit jeher: Die Dunkelgräfin.

Geheimnisvolle Gäste in Hildburghausen

Am Abend des 7. Februar 1807 erschien im beschaulichen Hildburghausen ein mysteriöses Paar und nahm im Hotel „Englischer Hof“ Quartier. Die eleganten Neuankömmlinge fielen durch die Tatsache auf, dass die Dame ihr Gesicht sorgsam verbarg und sich in Schweigen hüllte. Der Herr zeigte sich nicht knauserig, bestand im Gegenzug jedoch darauf, dass beide unbehelligt ein zurückgezogenes Leben führen konnten. Im Klartext hieß dies: Kein Lärm und möglichst wenig öffentlicher Kontakt. Für einen Gasthof waren solche Forderungen natürlich kaum zu erfüllen, weswegen Ärger nicht ausblieb. Schließlich zogen die geheimnisvollen Fremden in ein Privathaus um.

Umzug nach Eishausen

Doch die Neugier der Ortsansässigen wurde immer stärker. So sah sich das Paar veranlasst, nach rund drei Jahren in das Schloss des benachbarten Dorfes Eishausen überzusiedeln. Später wurde ihnen ein eigenes Haus zur Verfügung gestellt. Nach dreißigjähriger Einsiedelei starb die Dunkelgräfin am 27. November 1837. Sie wurde an ihrem Lieblingsplatz am Hildburghausener Schulersberg begraben. Ihr vom Volksmund „Dunkelgraf“ genannter Begleiter lebte bis zu seinem Tod 1845 weiterhin in Eishausen, nahm jedoch das Wissen um die wahre Identität der Dame mit ins Grab.

Wer war die Dunkelgräfin?

Viele Spekulationen über die Herkunft des seltsamen Paares haben sich mittlerweile als unhaltbar erwiesen. Allgemein wird heute nur noch zwei Theorien eine ernsthafte Chance eingeräumt:

Zum Einen ist es möglich, dass ein adlige Herr einfach mit seiner bürgerlichen Geliebten in der thüringischen Provinz „untertauchte“, wo beide auf ein unbehelligtes Zusammenleben hofften. Dafür könnte sprechen, dass der Dunkelgraf die Verstorbene unter dem bürgerlichen Namen „Sophia Botta“ in das Sterberegister eintragen ließ.

Weitaus populärer und entsprechend umstritten ist jedoch die Theorie, die Dunkelgräfin sei keine geringere als die echte „Madame Royal“ gewesen.

Die Spekulationen um Madame Royal

Als „Madame Royal“ wird von Vertretern dieser These Marie Therese Charlotte, eine Tochter des französischen Königs Ludwig XVI., bezeichnet. Im Gegensatz zu anderen Mitgliedern des Königshauses überlebte sie die Französischen Revolution und wurde aus dem Gefängnis heraus schließlich zwecks Heirat zu den Habsburgern nach Österreich verschachert.

An diesem Punkt beginnen Ungereimtheiten, welche der Legende um die Dunkelgräfin Auftrieb geben. Denn die in Österreich ankommende Königstochter und spätere Herzogin von Angoulême unterschied sich in Wesen und Aussehen erheblich von Marie Therese Charlotte.

Die Schlussfolgerung: Unterwegs fand ein Austausch mit Madame Royals Halbschwester Ernestine Lambriquet statt. Gründe dafür könnten eine Vergewaltigung während der Gefangenschaft sowie die psychische Labilität der echten Madame Royal gewesen sein. Die Habsburger akzeptierten trotz aller Unterschiede die vermeintliche Prinzessin und waren daher vermutlich eingeweiht. Das Motiv des Rollentauschs sei die aus politischen und ökonomischen Gründen unbedingt nötige Hochzeit der bourbonischen Königstochter gewesen.

Madame Royal in Thüringen?

Die echte Prinzessin soll demnach am Ende einer zwölfjährigen Odyssee durch Europa schließlich in Hildburghausen angekommen sein. Ihr einsiedlerisches Dasein wird damit begründet, dass sie dem weit verbreiteten Porträt ihrer Mutter Marie Antoinette sehr ähnelte. Gefahr hätte nach dieser These von zwei Seiten gedroht: Zunächst musste sie sich vor Napoleons Truppen verstecken. Nach dem Sturz des Diktators jedoch stellte sie für die falsche Madame Royal und damit die Habsburger eine Gefahr dar und musste somit einen Mordanschlag befürchten.

Madame Royal = Dunkelgräfin? Das Für und Wider.

Die meisten Verfechter der Austauschtheorie stimmen darin überein, dass der mysteriöse Begleiter der Dunkelgräfin ein holländischer Diplomat namens Leonardus Cornelius van der Valck gewesen sei. Allerdings stand dieser den Ideen der Französischen Revolution eher wohlwollend gegenüber. Somit wäre er vermutlich kaum der passende Begleitschutz für eine Tochter Ludwig XVI. gewesen.

Die Mehrzahl der Fakten jedoch scheint das Bild der versteckten Prinzessin sogar abzurunden: Das scheue Wesen der Dunkelgräfin glich dem Charakter Marie Therese Charlottes mehr als die selbstbewusste Art der offiziellen Madame Royal.

Vor der Revolution soll die Herzogin von Sachsen-Hildburghausen zudem freundschaftliche Beziehungen zur französischen Königin Marie-Antoinette, der Mutter von Madame Royal, gepflegt haben. Hildburghausen wäre trotz der Zugehörigkeit zu Napoleons Rheinbund also eine relativ sichere Zuflucht gewesen.

Selbst der im Sterberegister eingetragene Name „Sophia Botta“ könnte schließlich ein versteckter Hinweis auf die Identität der Dunkelgräfin sein: Die Reise nach Wien, bei welcher sie vertauscht worden sein soll, trat Marie Therese Charlotte einst unter dem Decknamen Sophie an...

Was bleibt von der Dunkelgräfin?

Heute sind in Hildburghausen noch einige Lokalitäten der faszinierenden Geschichte auffindbar. Am nächsten kommt man der mysteriösen Dame an ihrer letzten Ruhestätte am Schulersberg. Doch auch das Grab schweigt nur über das Rätsel um die Dunkelgräfin...