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Seeste – der sich einschneidende Bach


Ortsnamen sind ein Stück Kulturgeschichte. Die in ihnen enthaltenen Wörter, die zur näheren Kennzeichnung eines geographischen Ortes gewählt wurden, geben Auskunft über die einstige Beschaffenheit der Umgebung des Ortes zum Zeitpunkt der Namengebung, verweisen auf menschliche Siedlungen, das Kultivieren und Wirtschaften unserer Vorfahren und verraten etwas über die verkehrsgeographischen oder sozialen und rechtlichen Zustände einer vergangenen Zeit. Oft haben diese Namen auch alte, heute nicht mehr gebräuchliche Personennamen konserviert, die sich sonst nicht erhalten hätten.

Die ältesten Belege

Weil die Wörter, mit denen die Ortsnamen gebildet wurden, häufig einer wesentlich älteren Sprachstufe angehören und uns heute fremd erscheinen, ist die Deutung von Ortsnamen nicht immer einfach. Hinzu kommt, dass sie sich im Laufe der Zeit durch sprachliche Prozesse wandeln können und somit ihre ursprüngliche Bedeutung in ihrer heutigen Form nicht mehr erkennbar ist. Deshalb ist die Suche nach den ältesten Belegen eines Ortsnamens unabdingbare Voraussetzung, wenn man seiner Bedeutung auf die Spur kommen möchte. Die Ergebnisse der Deutung von Ortsnamen sagen aber auch etwas über das Benennungsmotiv aus, warum ein Ort seinen Namen trägt. Mit anderen Worten: Die Deutung eines Namens legt oftmals offen, was für unsere Vorfahren einst wichtig war.


Bedeutung des Wassers

Besondere Bedeutung hatte das Wasser, das sowohl zur Trinkwasserversorgung von Mensch und Vieh notwendig war als auch zur Bewässerung der Felder oder zum Antrieb von Mühlen genutzt wurde. Auch für das Gebiet der Gemeinde Westerkappeln ist auffällig, dass hier viele Bauerschaftsnamen auf die Bezeichnungen von Wasserläufen zurückgehen. So verhält es sich auch mit dem Namen „Seeste“. 1249 heißt die Siedlung „Segesten“, 1262 „Segeste“ und 1265 „Segheste“. Es fällt auf, dass der Name, neben Segeste bei Hildesheim, auch im nicht deutschsprachigen Bereich Entsprechungen hat. So gibt es allein in Italien drei antike Segesta (Venetien, Ligurien, Sizilien), dazu zwei Segestica (in Kroatien und Spanien) und einen antiken Stammesnamen Segestani in Kleinasien. Dieser Befund bedeutet aber, dass diese Namen alle zu einer alteuropäischen Sprachschicht, also einer indogermanischen Sprache, vor der Ausdifferenzierung der germanischen und romanischen Einzelsprachen gehören bzw. mit deren Wortmaterial gedeutet werden müssen.

Alteuropäische Sprachschicht

Die Segeste-Namen sind mit einem st-Suffix gebildet. Unter einem Suffix (auch Nachsilbe oder Endung genannt) versteht man ein unselbständiges Wortbildungselement, das an den Stamm von Wörtern angehängt wird, um neue Wörter zu bilden. So wird z.B. aus dem Adjektiv „gesund“ durch Anhängen des Suffixes -heit das Substantiv „Gesundheit“. Sämtliche in Niedersachsen mit st-Suffix gebildete Namen (z.B.: Emstek, Exten, Forst, Harste, Innerste, Twiste etc.) sind Gewässernamen oder von diesen abgeleitete Ortsnamen. Somit ist ebenfalls anzunehmen, dass es sich bei dem Ortsnamen Segeste/Seeste um einen Gewässernamen handelt. Trennt man das Suffix ab, bleibt der Wortstamm „seg“.
Was bedeutet der Wortstamm "seg/sek"?

Zu diesem Wortstamm bieten sich im (aufgrund von Lautwandelgesetzen) rekonstruierten Indogermanischen drei Anschlüsse an: 1. *sek- „abrinnen, versiegen“, 2. *sek- „nachlassen, träge, ruhig“, 3. *sek- „schneiden“. Alle drei Bedeutungen ließen sich mit der Beschaffenheit von Gewässern vereinbaren, doch sind im deutschen Sprachraum nur Wörter belegt, die auf 3. *sek- „schneiden“ zurückgehen. Dazu gehören z.B. die Säge, das Segel (abgeschnittenes Stück Tuch), die Schere, die Segge (Riedgras) und die Sense. Als Bedeutung des Namen Seeste (Segeste) käme also am ehesten ein Gewässer in Frage, das sich durch das Einschneiden in die Landschaft auszeichnete, also möglicherweise ein besonders tiefer Bach.