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Sennlich – der Wald des Sinico


Ortsnamen erzählen Geschichte. Die Bezeichnungen, die in ihnen enthaltenen sind, geben Auskunft über die Topographie der Landschaft zum Zeitpunkt der Namengebung, verweisen auf Siedlungsprozesse, menschliches Kultivieren und Wirtschaften und verraten etwas über die verkehrsgeographischen oder sozialen und rechtlichen Zustände vergangener Zeiten. Oft haben diese Namen auch alte, heute nicht mehr gebräuchliche Personennamen konserviert.

Warum auf die ältesten Belege schauen?

Weil die Wörter, mit denen die Ortsnamen gebildet wurden, häufig einer wesentlich älteren Sprachstufe angehören und uns heute fremd erscheinen, ist die Deutung von Ortsnamen nicht immer einfach. Hinzu kommt, dass sie sich im Laufe der Zeit durch sprachliche Prozesse wandeln können und somit ihre ursprüngliche Bedeutung in ihrer heutigen Form nicht mehr erkennbar ist. Deshalb ist die Suche nach den ältesten Belegen eines Ortsnamens unabdingbare Voraussetzung, wenn man seiner Bedeutung auf die Spur kommen möchte.


Vom Flur- zum Siedlungsnamen

Der Name der Westerkappelner Bauerschaft Sennlich begegnet erstmals im Jahr 1097 in der Form „Sinecla“. 1249 heißt es „Seneclo“ und 1310 „Seninglo“. Diese Belege zeigen, dass es sich bei diesem Namen um ein Kompositum (Zusammensetzung eigenständiger Wörter, z.B. Haus-tür) mit dem Grundwort -lo(h) in der Bedeutung „Gebüsch, Gehölz, Wald“ handelt. Das Wort Loh war früher im deutschen Sprachgebiet weit verbreitet, ist heute jedoch nur noch in einigen Dialekten anzutreffen. Namenkundliche Untersuchungen zu den mit -lo(h) gebildeten Ortsnamen haben gezeigt, dass das Grundwort häufig mit Bezeichnungen für Baumarten (z.B. Eikeloh „Eichenwald“, Boklo „Buchenwald“ etc.) auftritt, aber auch in Kombination mit Personennamen vielfach zu finden ist. So gibt es ein 1216/17 erwähntes Herkeloe bei Zwolle (vom männlichen Rufnamen Herke/Harke), ein 1239 erwähntes Immincloh bei Coesfeld (vom Rufnamen Imminc, Immo), ein Rüdingloh bei Soest (von einem altsächsisch "hroth" "Ruhm" gebildeten Namen, z.B. Rotho) oder ein Kobbeloh bei Kamen (vom Rufnamen Cobbo), um nur wenige Beispiele zu nennen. Auffällig ist, dass die Rufnamen hier – anders als bei anderen Ortsnamenkomposita – oftmals in unflektierter Form vorkommen (Stammkomposition).

Vergleich mit ähnlichen Ortsnamen

Analog zur Bildungsweise anderer Namen wäre eine Genitivendung zu erwarten gewesen, die die Zugehörigkeit des Waldes (Loh) zur Person angezeigt hätte (z.B. schwach flektiert: Herke-n-trup = Dorf/Siedlung eines Herke/Harke oder stark flektiert: Peter-s-hagen = Gehölz/eingefriedeter Raum eines Peter). Diese Erkenntnis birgt auch den Schlüssel zur Deutung des Namens Sennlich. In seinem Bestimmungswort steckt ein alter Rufname: 1081/1106 kommt ein Priester mit Namen „Sinicho“ in einer Urkunde der Benediktinerabtei Corvey an der Weser vor, 1130 der Adlige „Sinico“ in einer Paderborner Urkunde und in einem Hörigenverzeichnis der Abtei Corvey aus dem 1. Viertel des 12. Jahrhunderts wird ein Bauer namens „Sineke“ erwähnt. Der Name, der von der Forschung zu altsächsisch „sin“ – beständig – gestellt wird, also „der Beständige“ bedeutet, war demnach im Hochmittelalter in Westfalen in allen sozialen Schichten verbreitet und steckt auch im hier betrachteten Namen der Westerkappelner Bauerschaft. Bei Sennlich handelte es sich also ursprünglich um den Wald eines Mannes mit dem Namen Sinico.