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Sühnekreuze: Als Totschlag noch per Vertrag geregelt wurde


Noch heute gibt es in manchen Gegenden so genannte Stein- oder Sühnekreuze. Sie stehen zumeist an alten Feldwegen, an Landstraßen und Wegkreuzungen - Wege, die früher stark frequentiert wurden. Diese besondere Form der Flurdenkmäler wurde in den meisten Fällen für einen Totschlag im Affekt aufgestellt. Ein derartiges Delikt wurde im Mittelalter nicht vor Gericht verhandelt, sondern als Privatangelegenheit geregelt. Konnte sich der Täter mit den Angehörigen des Erschlagenen einigen, wurde ein entsprechender Vertrag abgeschlossen. Wenn der Totschläger alle Auflagen des Vertrages erfüllt hatte, galt seine Schuld als gesühnt. Daher die Bezeichnung Sühnekreuz.

Wie es zu Sühnekreuzen kam

Nach altgermanischem Recht wurde Totschlag durch so genanntes Wergeld (Sühnegeld, das im Fall der Tötung zur Ablösung der Blutrache entrichtet werden musste) gesühnt. Mit der Einführung des Christentums kamen weitere Bußen hinzu, mit denen die Tat auch nach kirchlicher Ansicht gesühnt werden sollte. Solche Bußen bestanden aus Seelenmessen, Wallfahrten oder Bußzügen des Täters. Die meisten dieser Bußen dienten dem Seelenheil des Getöteten, der ja ohne geistliche Absolution aus dem Leben geschieden war. Aus erhaltengebliebenen Sühneverträgen, die zumeist aus der Zeit des 13. bis 16. Jahrhundert stammen, sind Ursachen und ihre Begleitumstände der Tat hinreichend bekannt geworden.

Die Auflagen des Sühnevertrages


Wenn sich Hinterbliebene des Opfers und Täter einigen konnten, wurde ein Sühnevertrag aufgestellt. In diesem wurden dem Täter folgende Auflagen gemacht:

Eine Rom- oder Achfahrt (Wallfahrt nach Aachen). Zu den Heiligtümern in Rom konnte er auf seine Kosten jemand anderen schicken, nach Aachen musste er selbst pilgern. Beides musste durch Zeugnisse nachgewiesen werden.

Zum Seelenheil des Erschlagenen musste er eine ewige Messe stiften, damit für dessen "Arme Seele" gebetet wurde.

Für die Beerdigung des Getöteten wurde die Zahl der teilnehmenden Priester und Kerzenträger festgelegt.

Vor dem Grab musste bei der Witwe oder nahen Verwandten Abbitte geleistet werden.

Für die Witwe und ihre Kinder wurde die Höhe der Abfindung festgelegt.

Am Platz des Totschlags musste ein Steinkreuz errichtet werden.

So rankt sich um fast jedes dieser Stein- oder Sühnekreuze eine Geschichte, die in ihrem Kern fast immer an eine Bluttat erinnert. Sühnekreuze, die abseits der Straße stehen, geben im Allgemeinen den Ort der Tat an. Anders dagegen die an den Straßen und Wegkreuzungen stehenden. Sie können sowohl Andachtsbilder sein als auch Sühnemale, die auf Wunsch der Hinterbliebenen aufgestellt worden sind. Es war früher Sitte, dass die Vorübergehenden am Kreuz ein kurzes Gebet sprachen.

Wie Sühnekreuze in den heutigen Unfallkreuzen an Straßenrändern weiterleben

Sühnekreuze sind bis ins frühe 16. Jahrhundert aufgestellt worden. Der Ewige Reichslandfriede von 1495 (Verbot des mittelalterlichen Fehderechts) und die Halsgerichtsordnung von 1533 schafften diese Art der Buße ab und setzten dafür feste Strafen. Wergeld, kirchliche Sühne und das Setzen der Kreuze hatten damit ihren Sinn verloren. Das Sühnekreuz verwandelte sich zum Erinnerungsmal. Nur, dass es nun nicht mehr vom Täter sondern von den Hinterbliebenen aufgerichtet wurde und oft auch nur die Erinnerung an einen Unglücksfall festhielt. Daraus, wenn auch viel später, entwickelten sich die Unfallkreuze, wie sie heute an Straßenrändern anzutreffen sind. Oft mit einem Bild des Verunglückten, Name, Geburtsdatum und Tag des tödlichen Unfalls, und stets frischen Blumen, zumindest eine gewisse Zeit lang.