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Helfen Folsäure und Vitamin B nach Herzinfarkt oder Schlaganfall?


"Folsäure senkt den Risikofaktor Homozystein. Interventionsstudien konnten jedoch keine Reduktion von kardiovaskulären Ereignissen durch eine Therapie mit Vitamin B6, Vitamin B12 und Folsäure demonstrieren", heißt es in der Nationalen Versorgungsleitlinie über die chronische koronare Herzkrankheit (KHK) des Jahres 2008 – auch die neue SU.FOL.OM3-Studie wird daran wohl nichts ändern: Die Nahrungsergänzung mit den Vitaminen B6, B12 und 5-Methyltetrahydrofolat (B9) zeigte keine Schutzwirkung bei Patienten nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. "Diese Untersuchung bestätigt somit erneut, dass positive Zusammenhänge aus Beobachtungsstudien keine gute Grundlage für Empfehlungen gegenüber den Patienten sind", resümiert Professor Hans-Christoph Diener am 17. Januar 2011 – Prof. Dr. med. Diener fungiert als Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und ist Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Duisburg-Essen.


SU.FOL.OM3: 2.501 Patienten mit Herzinfarkt, Schlaganfall und Angina pectoris

Auch unsere französischen Nachbarn leiden an Herzkrankheiten, an der SU.FOL.OM3-Studie (Supplémentation en Folates et Omega-3) nahmen 2.501 Frauen und Männer aus ganz Frankreich teil. Betreut wurden die Patienten der Multicenter-Studie durch ein Netzwerk von 417 Ärzten und Fachärzten: An der Studie nahmen 1150 Patienten nach einem überstandenen Herzinfarkt teil, 638 Patienten hatten einen Schlaganfall erlitten, 713 Patienten wiesen die Diagnose einer instabilen Angina pectoris auf (Herzschmerzen). Insgesamt waren die Patienten zwischen 45 und 80 Jahre alt – das Durchschnittsalter der Frauen und Männer lag bei 63 und 61 Jahren. Durchschnittlich 101 Tage nach ihrer Herzerkrankung begannen die Patienten mit der Einnahme der Nahrungsergänzungsmittel und Scheinmedikamente.

Fünf Jahre lang Nahrungsergänzungsmittel oder Scheinmedikamente

Zur placebo-kontrollierten Multicenter-Studie wurden die Studienteilnehmer in vier so genannte Studienarme aufgeteilt: 4,7 Jahre lang nahmen die Patienten zweimal täglich entweder nur Gelatinekapseln mit B-Vitaminen (3 Milligramm (mg) Vitamin B6, 20 Mikrogramm (µg) Vitamin B12 und 560 µg der Folsäure-Verbindung 5-Methyltetrahydrofolat), oder nur Kapseln mit Omega-3-Fettsäuren (Docosahexaensäure (DHA) und Eicosapentaensäure (EPA)), oder beide Nahrungsergänzungsmittel mit B-Vitaminen und Omega-3-Fettsäuren, oder zur Kontrolle zweimal täglich eine Placebo-Gelatinekapsel (Scheinmedikament).

Nach Herzinfarkt oder Schlaganfall wirken B-Vitaminpillen nicht besser als Placebos

Wie die zuvor unternommenen Interventionsstudien enttäuschten auch die Resultate der SU.FOL.OM3-Studie das Mediziner-Team um Pilar Galan von der Université Paris: Weder die B-Vitaminpillen noch die Omega-3-Fettsäuren konnten als Nahrungsergänzungsmittel die Anzahl der schweren kardiovaskulären Ereignisse deutlich vermindern. Im direkten Vergleich zwischen B-Vitamin-Cocktail und Scheinmedikament erlitten 75 gegenüber 82 Patienten ein schwerwiegendes vaskuläres Ereignis, bei den Patienten mit B-Vitaminen reduzierte sich zwar die Anzahl der Schlaganfälle deutlich von 36 auf 21 Ereignisse, allerdings stieg die Sterblichkeit mit 72 gegenüber 45 Todesfällen signifikant an. Eindeutigere Ergebnisse bietet dagegen die neue EPIC-Herz-Studie: Die Ernährungsdiät mit Obst und Gemüse reduziert in der Kohortenstudie die Todesfälle durch Herzinfarkt oder Schlaganfall um bis zu 22 Prozent.

Neun große Studien erschüttern den Glauben an Vitaminpillen

Seine Gesundheit mit zusätzlichen synthetischen Vitaminen zu stärken und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu reduzieren ist immer noch ein weit verbreiteter Glaube, doch inzwischen haben neun große Studien den Glauben an Nahrungsergänzungsmittel erschüttert – Übersichts-Studien zeigen sogar, dass die Nahrungsergänzung mit den Vitaminen A, C und E die Sterblichkeit erhöhen kann: "Der Gebrauch von Nahrungsergänzungsmitteln zur Prävention kardiovaskulärer Ereignisse kann daher weiterhin nicht empfohlen werden – und darf erst recht keine bewährten Therapien ersetzen", kommentierte Prof. Diener. Dabei zeigten die B-Vitamine auch in dieser Studie durchaus eine Wirkung.

Die Blutwerte für Plasma-Homocystein sanken um 19 Prozent

Einige neuere epidemiologische Studien konnten zeigen, dass erhöhte Konzentrationen der alpha-Aminosäure Homocystein im Blut ein Risikoindikator für kardiovaskuläre Erkrankungen ist: Auch in der SU.FOL.OM3-Studie sank im Studienarm mit dem Vitamin-B-Cocktail die Homocystein-Konzentration im Blutplasma um 19 Prozent gegenüber der Placebogruppe. Doch resümiert das Autorenteam in der renommierten Medizin-Zeitschrift British Medical Journal: "Die Studie unterstützt nicht die routinierte Einnahme dieser Nahrungsergänzungsmittel zur Prävention von Herzkreislauferkrankungen" – zumindest nicht nach der akuten Phase des initialen Vorfalls der kardiovaskulären Erkrankung.