Kultstätte des Schnarchens

Bei Hildesheim betreibt ein e.V. das einzigartige „Schnarchmuseum“

Die Pein der Masse ist auch ein Geschäftsfeld dubioser Anbieter von skurrilen Hilfsmitteln, die in Vitrinen des „Schnarchmuseums“ in Alfeld zu besonderen Ehren kommen

Die Ironie des Schicksals befindet sich in Alfeld. Sprachlich etwas bemüht, kommt sie hier durch zwei offizielle braune Straßenschilder zum Ausdruck, die stadtauswärts der niedersächsischen Kleinstadt auf ein touristisches Highlight hinweisen. „Schnarchmuseum“ ist auf ihnen zu lesen. Als könnte man dort eine Kakophonie aus unzähligen alten, auf Tonbändern aufgenommenen Schnarchgeräuschen hören. Aber in dem kleinen Haus in der Wilhelm-Knigge-Straße 20 darf lediglich bewundert werden, was man sich jemals zur Ausrottung der nächtlichen Plage ausgedacht hat. Eine stolze Menge an Absurditäten. Im Kampf gegen eine Weltkrankheit hält sich eine 21.000-Einwohner-Provinzstadt als e.V. eine Sammelstelle für Kinnbandagen und Knüppel. Und Kanonenkugeln. Das ist Ironie. Die des Schicksals. Beispielsweise dem, ein Schnarcher zu sein.

Kanonenkugeln helfen

„Die Kugeln hat man den Soldaten noch in den 40er Jahren beim Schlafen unter den Rücken gelegt!“, sagt Helmut Richter ganz aufgeregt über das einzigartige Exponat. Der 2. Vorsitzende des Vereins (der erste hatte keine Zeit) erklärt des Weiteren: „Damit sie wach blieben und nicht schnarchten. Wegen des Feindes!“ Der Mann zwinkert und weist auf ein weiteres Unikum hin: „Das ist ein Beatmungsgerät!“ Bringt das etwas? „Bei manchen ja, bei anderen nein“, weiß er.

Die „Alfelder Schlafapnoe-Gesellschaft“ (110 Mitglieder), die mit einer „Zweiggruppe“ auch in Bad Pyrmont agiert und vier Mal im Jahr die mit Anzeigen der Beatmungsgeräte-Hersteller prall gefüllte Zeitschrift „Siebenschläfer“ herausgibt, will aufklären. Darüber, dass viel Sinnloses hervorgebracht wurde im Kampf gegen das Sägerwerk, das zu nachtschlafender Stunde keine fünf Zentimeter vom Gattinnenohr entfernt arbeitet. Rentner Richter war so ein Unruheherd. Gegen ihn half auch nicht der ausgestellte Knüppel, dessen Funktionsweise er wie folgt banalisiert: „Über den Schädel ziehen, dann ist Ruhe!“ Aber er gibt sich gleich wieder aufgeklärt: „Medizinisch ist Einiges möglich. Mir hat ein Beatmungsgerät geholfen. Doch den Firlefanz darum herum kann man vergessen!“, unterstreicht er, der seine Frau nach eigenem Bekunden früher um etliche Erholungsphasen im Negligé gebracht hat.

Nervensägende Sache

Bis er an den Internisten und Apnoe-Experten Josef A. Wirth geriet, der neben der eigenen Praxistätigkeit auch im Alfelder Institut für Schlafdiagnostik (im Krankenhaus St. Georg in Bad Pyrmont) der nervensägenden Sache auf den Grund geht. Auch in der Funktion des Fachbeiratsvorsitzenden der Alfelder Schlafapnoe-Gesellschaft. Und man glaubt nicht, was es da alles gibt: Schlafapnoesyndrom, Ronchnopartie, restless-legs-syndrom, Insimnie und Narkolepsie. In der Reihenfolge ins Deutsche übersetzt: schlafbezogene Atmungsstörungen, krankhaftes Schnarchen, unruhiges Beinstrampeln, Schlaflosigkeit und Herzaussetzer. Wem das alles zu viel ist, dem sei erklärt, was Wirth dem Patienten eigentlich sagen will. Dass der nämlich gar nichts von seinem Problem mitbekommt, außer der Müdigkeit am Morgen, der mittags und der am Nachmittag. Sollte er abends Alkohol getrunken haben, so Wirth, dem Drang nach Schlaftabletten erlegen sein oder, um ein weiteres Übel beim Namen zu nennen, etwa Zigaretten geraucht haben, kann es zu einem verborgenen Horrorszenario kommen.

Bis zum Atemstillstand

Auf der Homepage des Schnarchmuseums steht’s schwarz auf weiß: „Lautes, unregelmäßiges Schnarchen, das durch Atemstillstände (Apnoen) von mehr als zehn Sekunden Dauer unterbrochen wird, weist auf eine folgenschwere Erkrankung hin: die obstruktive Schlafapnoe. Bei der obstruktiven Schlafapnoe bleibt dem Erkrankten mindestens zehn Mal pro Stunde die Luft weg und solche Atmungsblockaden können bis zu 600 Mal pro Nacht auftreten“! Der 2. Vorsitzende des Schnarchmuseums hat es geschafft. Kein Likörchen, Tabak sowieso nicht. Und Schlaftabletten braucht er auch nicht mehr. Die Vereinsarbeit macht ihn müde genug. „Bis vor drei Jahren war ich noch 1. Vorsitzender, aber dann hat mich Rolf Rosenkranz abgelöst“, sagt Richter bedeutungsschwanger. Er lässt den Blick durch das etwa 35 Quadratmeter große, ebenerdige Ladenlokal schweifen. Zwei Schaufensterpuppen-Köpfe ragen aus dem Sammelsurium des Apnoe-Irrsinns heraus. Hinter Glasscheiben scheinen sie sich um den ersten Platz in der Kultstätte für das Schreckliche zu streiten. Futuristisch bis bekloppt sehen sie aus. Mit ihren Kinnbandagen und unerklärlichen Stromleitern, die in die Nase führen. Stromschlag gegen Razz-Atacke? „Das schicken uns auf Nachfrage die Firmen, die so etwas auf den Markt bringen“, berichtet Richter beiläufig.

Spindelförmiges Abnehmen

Und sein Heiler Wirth weiß: „Beim einfachen Schnarchen ist das Geräusch monoton und regelmäßig, während beim Schlafapnoesyndrom nach den Atempausen das Schnarchen explosionsartig einsetzt und spindelförmig abnimmt.“ Und: „Habituelles Schnarchen belästigt den Bettpartner und ist ein Geräuschphänomen, das auch eine enorme Lautstärke erreichen kann. Es kann zu zwischenmenschlichen Spannungen führen und sollte des Friedens willen behandelt werden.“ Dabei ist das mit dem Schnarchen ganz einfach und seit Jahrtausenden unabwendbar. Eine Enzyklopädie sagt: „Das Schnarchgeräusch entsteht durch flatternde Bewegungen des Gaumens und des Zäpfchens, zum Teil auch des Zungengrundes und des Rachens beim Atmen. Es kann in einigen Fällen durch Nasenatmungsbehinderungen hervorgerufen sein. So kommt es häufig in der Rückenlage zum Schnarchen, wenn der Unterkiefer des Schlafenden nicht gestützt ist und er durch den geöffneten Mund atmet. Registriert der Körper einen durch die erschwerte Atmung hervorgerufenen Mangel an Sauerstoff, löst er eine Positionsänderung aus.“

Ab auf’s Sofa!

Dagegen kann man wenig machen. Frauen wissen: Man geht zum ruhigen Schlafen am besten aufs Sofa, viele Meter entfernt vom sägenden und sich ständig drehenden Ehemann, Freund oder Reisepartner, von dem man nun weiß, dass er pro Nacht 600 Mal vor dem Herzstillstand stehen wird. Trotz karibischem Flair. Doch Frau schnarcht auch. Und Kind erst recht. Zahnarzt Dr. Jens Fröhlich aus Göppingen gibt ganz betrübt im Internet bekannt: „Fast 40.000.000 Deutsche schnarchen! Darunter sieben bis neun Millionen Kinder! Und dies mit z.T. schwersten gesundheitlichen Folgen!“

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