Maximale Lebensenergie: Experten-Tipps für gesunden Schlaf

„Zu wenig Schlaf macht dumm“, sagt Schlafpsychologe Günther Amann-Jennson und gibt Tipps für gesunden Schlaf und mehr Lebensenergie trotz Alltagsstress.

Der österreischische Schlafcoach und -psychologe Günther Amann-Jennson beschäftigt sich mit dem vielleicht wichtigsten Drittel unseres Lebens: dem Schlaf. Als Experte rund um die Themen Gesundheit, Lebensenergie und Schlafoptimierung hat der Unternehmer und Buchautor das Konzept des “Bioenergetischen Schlafes” begründet. Im Interview erklärt der Schlafforscher, wie unsere persönliche Lebensweise den Schlaf beeinflusst und was jedermann tun kann, um durch erholsamen Schlaf seine Lebensqualität zu steigern.

Was passiert eigentlich, während wir schlafen – warum ist Schlaf so wichtig?

Amann-Jennson: Vor allem unser Gehirn ist im Schlaf hochaktiv. Dort läuft ein zirka Neunzig-Minuten-Rhythmus von mehr oder weniger starker Aktivität ab. Im ersten Nachtdrittel schüttet der Körper ein Wachstumshormon aus, welches zur Regeneration der Körperzellen beiträgt. Knochen und Haare wachsen durch dieses Wachstumshormon. Der Fetthaushalt wird stabilisiert, was ebenfalls ein wichtiger Aspekt ist. Zudem laufen zahlreiche Entgiftungs-, Heil- und Regenerationsprozesse ausschließlich im Schlaf ab, zum Beispiel die Stärkung unseres Immunsystems. Über die ganze Nacht hinweg wird außerdem Melatonin ausgeschüttet. Das vermittelt unserem Organismus die Botschaft: Jetzt ist Nacht, fang’ mit den Reparaturarbeiten an. Und ganz wichtig – wir speichern Gelerntes im Schlaf ab. Zusammengefasst kann man sagen, dass sich während des Schlafes der menschliche Organismus regeneriert und „seine Batterien wieder aufgeladen werden“.

Wie in Ihrem Buch beschrieben ist „der Schlaf ist eine Instinkthandlung des Menschen“- kann man ihn also wirklich so sehr durch Coaching beeinflussen?

Amann-Jennson: Obwohl schlafen an sich eine Instinkthandlung ist, braucht er ganz klare biologische Grundlagen, damit er tatsächlich funktioniert. Diese sind abhängig von unserer Lebensweise, unserer körperlichen und seelischen Gesundheit und Fitness, unseren Gewohnheiten bis hin zu unseren Süchten. Vor allem Alkohol, Koffein und Nikotin sind klare Schlafstörer. Der gesunde Schlaf des modernen Menschen ist eine Symbiose aus Lebensstil und unserem Schlafraum mit dem Herzstück Bett samt Schlafsystem, welches die Bereiche Orthopädie, Bett- und Elektroklima regulieren sollte. Damit wir gesund schlafen können, benötigen wir unter anderem sonnendurchflutete, „schlaffreundliche“ Tage und am Abend Entspannung, Dunkelheit, Stille, Sicherheit. Viele Menschen haben da große Defizite, die durch ein Schlaf-Gesund-Coaching aufgeklärt und verändert werden können.

Wie können Menschen mit Schlafproblemen ihre Schlafqualität trotz Alltagsstress verbessern – worauf sollte man achten?

Amann-Jennson: Zuerst die gute Nachricht: Über 90 Prozent der Störungen des Schlafes haben keine organische Ursache. Die schlechte Nachricht ist, dass es tausende Gründe gibt, warum jemand schlecht schläft und sich im Schlaf nicht mehr ausreichend erholen kann. Schlaf ist etwas sehr Individuelles. Dennoch, der innere, emotionale Stress ist ein Hauptgrund für unruhiges Schlafen. Dazu gibt es allerdings wieder eine gute Nachricht – jeder Schlaf ist verbesserbar, denn Stress ist schlussendlich wieder ein vorwiegend psychologisches Problem. Meine jahrelangen Forschungen haben ergeben, dass neben den Tagesgewohnheiten und dem Erlernen von bewusster Entspannung die größte Hebelwirkung zur Schlafverbesserung im richtigen Schlafsystem samt einem harmonischen, störungsfreien Schlafumfeld liegt. Das Bett und die Matratze sind aus biologischer Sicht überhaupt die wichtigsten Möbelstücke im Haus – schließlich verbringen wir ein Drittel unseres Lebens im Schlaf.

Ein berühmtes Experiment des US-Psychiaters David Dinges ließ Probanden nach unterschiedlich langen Schlafzeiten Leistungstests absolvieren. Diejenigen mit wenig Schlaf schnitten täglich schlechter ab. Interessant war, dass sie aber nach etwa vier Tagen nicht mehr müder wurden, sondern sich regelrecht an den Müdigkeitszustand gewöhnten. Macht uns Schlafmangel also dümmer, ohne dass wir es merken?

Amann-Jennson: Die meisten Menschen schlafen 1 bis 2 Stunden zu wenig und leiden deshalb an einem chronischen Schlafmangel. Das bleibt nicht ohne Folgen. Dumm macht andauernder Schlafmangel deswegen, weil die Gedächtnisleistung verringert wird. So wurden in Tests neu erlernte Vokabeln nach verschiedenen Schlaflängen abgefragt. Je weniger geschlafen wurde, umso schlechter war die Gedächtnisleistung. Im Tiefschlaf wird unser Wissen verarbeitet, im Traumschlaf dann die motorischen Fähigkeiten, wie zum Beispiel Autofahren lernen. Also kann man die Frage ganz klar mit „ja“ beantworten.

Wie beeinflusst unser Lebensstil unseren Schlaf?

Amann-Jennson: Der Schlaf ist psychologisch gesehen der Spiegel unseres Tages und umgekehrt beeinflusst er den folgenden Tag. Die Schlafpsychologie beschäftigt sich genau mit dieser Thematik. Ein guter Teil der Schlafprobleme ist sicherlich unserer schlaffeindlichen Lebensweise geschuldet, die zum Beispiel durch den immer höher werdenden Zeitdruck in der Arbeitswelt entsteht. Diese Belastungen des Tages können dazu führen, dass die Betroffenen zu angespannt sind, um einzuschlafen. Um schlafen zu können, muss man zunächst einmal entspannen können. Zudem hat Schlafen mitunter ein schlechtes Ansehen in unserer Gesellschaft und gilt als vergeudete Zeit. Es gibt genügend Leute, die sich damit brüsten, mit sehr wenig Schlaf auszukommen und sich aus diesem Grund als besonders leistungsstark empfinden. Das ist aber Unsinn, denn wir Menschen müssen uns im Gegensatz zu Maschinen erholen.

In Japan ist das Nickerchen am Arbeitsplatz ein Zeichen für besonderen Eifer. Was können wir zum Thema Schlaf von anderen Kulturen lernen?

Amann-Jennson: Das Nickerchen in der Öffentlichkeit wird in Japan „Inemuri“ bezeichnet. In China ist der Mittagsschlaf „Xeu-Xi“ sogar gesetzlich geregelt. Im 49. Verfassungsartikel steht: „Wer arbeitet, hat ein Recht auf Xeu-Xi.“ In verschiedenen Kulturen werden kurze regenerative Pausen wie die südländische und lateinamerikanische „Siesta“ gepflegt. Sie können uns interessante Impulse geben, allerdings ist es meistens nicht möglich, diese einfach zu übernehmen. Dazu müssen die sozialen Bedingungen gegeben sein. Wir sind in unseren Breitengraden klassische Monoschläfer, das heißt wir schlafen normalerweise an einem Stück. Was allerdings auch bei uns Sinn macht, ist der Mittagsschlaf. Zwischen 12 und 14 Uhr können wir unser biologisches Leistungstief dafür ideal nutzen. Er sollte allerdings nicht länger als 10 bis 20 Minuten dauern, damit wir keine Tiefschlafphase erreichen. Es ist wissenschaftlich bestätigt, dass dieses „Power-Napping“ unsere Konzentrations-, Leistungs- und Reaktionsfähigkeit verbessert.

Halten Sie die Regelung der Sommer- und Winterzeit für sinnvoll?

Amann-Jennson: Umstellungsreaktionen wie Müdigkeit, Herz-Kreislauf-Probleme oder Verdauungsstörungen betreffen etwa 20 Prozent der Menschen. Obwohl der Großteil über keine nachhaltigen Probleme berichtet, haben Chronobiologen nach Studien an über 50000 Menschen bestätigt, dass der Organismus sich eigentlich an diese zweimal jährlich stattfindenden Zeitumstellungen biologisch gar nicht gewöhnen kann. Damit ist eigentlich alles gesagt.

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