vitaminpillen

Vitaminpillen & Co.


Für 87 Prozent der Deutschen ist Gesundheit einer der wichtigsten Faktoren für das Glücksempfinden. Das besagt eine repräsentative Umfrage von TNS Emnid. Vielleicht erklärt das den Boom der Nahrungsergänzungsmittel, geben sie den Konsumenten doch das Gefühl, sich selbst ein Stück Gesundheit kaufen zu können.


Die vielfältigen Vertriebskanäle

Mittlerweile sind entsprechende Pillen, Kapseln und Pülverchen praktisch überall zu haben: In Apotheken, Supermärkten, auf Kaffeefahrten, über frei agierende Vertriebspartner oder über das Internet. Mittlerweile werden auch in Arztpraxen Nahrungsergänzungsmittel angeboten. Dies ist jedoch nach Auffassung der Verbraucherzentralen unzulässig und sollte der jeweils zuständigen Landesärztekammer gemeldet werden.

Die vielfältigen Vertriebskanäle sind schon ein Teil des Problems, denn für den Verbraucher ist der riesige Markt kaum noch überschaubar. Wer nun auch noch versucht, die Produkte untereinander zu vergleichen, stellt schnell fest, dass auch das ein fast hoffnungsloses Unterfangen ist. Neben vielen Monopräparaten werden auch Nahrungsergänzungsmittel angeboten, deren Mixturenvielfalt von Verbraucherschützern und Ernährungsexperten mit wachsender Skepsis betrachtet werden.

Der Knackpunkt hier: Schon die Einnahme von Einzelstoffen, etwa Vitamin E, ist nicht ganz unproblematisch – noch dazu ohne ärztliche Kontrolle. Doch kommen erst komplexe Wirkstoff-Cocktails zum Einsatz, dann wird die Einnahme schnell zum Selbstversuch. Viele agieren hier nach dem Motto „viel hilft viel“. Experten sind sich jedoch einig, dass über den Bedarf zugeführte Nährstoffe nicht nutzen, in manchen Fällen sogar schaden können. Ein weiterer Aspekt: Es zeichnet sich immer mehr ab, dass die Einnahme einzelner Nährstoffe nicht sinnvoll ist, da sie erst in Kombination mit anderen Substanzen, etwa sekundären Pflanzenstoffen, Wirkung zeigen. Isoliert oder künstlich scheinen sie nicht so effizient zu sein, heißt es aus Wissenschaftskreisen. Überdies kann ein Zuviel an bestimmten Stoffen die Aufnahme anderer wichtiger Nährstoffe behindern oder die Wirkung verordneter Medikamente aufheben.

Zwischen Wissenschaft und Werbung

Wer sich näher mit Nahrungsergänzungsmitteln beschäftigt, der wird mit vielen Aussagen und Thesen konfrontiert, die nicht immer einer wissenschaftlichen Überprüfung Stand halten. Viele Ernährungswissenschaftler sagen, dass solche Produkte in der Regel überflüssig sind, weil der Mensch über sein normales Essen schon zur Genüge Nährstoffe zu sich nimmt. Die Statements aus diesem Lager lassen sich wie folgt zusammenfassen: Noch nie war das Angebot an qualitativ hochwertigen Lebensmitteln so gut wie heute.

Die Hersteller der Pillen und Pülverchen argumentieren ihrerseits, die Lebensmittel hätten in den vergangenen Jahren immer weiter an Nährstoffen verloren. Oft ist auch vom „Vitaminmangelland Deutschland“ die Rede. Eine clevere Strategie der Hersteller, denn so wird der Eindruck erweckt, Nahrungsergänzungsmittel seien unentbehrlich. Ein anderer Hebel für den Verkaufserfolg von Nahrungsergänzungsprodukten ist das schlechte Gewissen derjenigen Konsumenten, die sich falsch ernähren, sich zu wenig bewegen oder rauchen. Sie greifen zu bestimmten Produkten in der Hoffnung, diese Sünden durch Pillen kompensieren zu können, was natürlich ein Trugschluss ist. Dennoch verfehlen bestimmte Aussagen und Szenarien Ihre Wirkung auf die Zielgruppe nicht. Es wird fleißig gekauft, für schätzungsweise 1 Milliarde Euro pro Jahr allein in Deutschland. Ist das Geld wirklich gut investiert? Diese Frage muss jeder für sich persönlich beantworten.

Nahrungsergänzungsmittel sind keine Medikamente

Nicht wenige Verbraucher sehen in Nahrungsergänzungsmitteln bereits Medikamente oder eine Art Medikamentenersatz. Der Grund für diese Einschätzung dürfte auch mit der angeblichen Heilwirkung zusammenhängen, die einige Hersteller ihren Produkten zuschreiben. Schnell wird aus einem Küchenkraut dank einer Studie aus dem Ausland ein Wundermittel, das sogar bei gravierenden Erkrankungen wie Diabetes helfen soll. Die Verbraucherzentralen mahnen zur Vorsicht, wenn Nahrungsergänzungsmitteln eine medizinische Wirkung zugeschrieben wird, sprechen gar vom "Revier der Scharlatane".

Rein rechtlich betrachtet gehören Nahrungsergänzungsmittel zur Gruppe der Lebensmittel - sie dürfen überhaupt nicht medizinisch wirken. Zweifel an der Seriosität eines Angebots ist vor allem dann berechtigt, wenn mit geheimnisvoll klingenden exotischen Pflanzenextrakten oder angeblich vergessenen alten Heilpflanzen und dergleichen geworben wird. Werbeaussagen wie „das Produkt XY hilft, wo die Schulmedizin versagt“, sollten ebenfalls kritisch hinterfragt werden. Gleiches gilt für Produkte, die gleich bei mehreren Leiden helfen sollen, die bei genauer Betrachtung überhaupt nichts miteinander zu tun haben - etwa Akne, Aids, Diabetes, Krebs, Neurodermitis und Rheuma. Die EU will vor allem zwielichtigen Händlern mit der Health-Claims-Verordnung die Tour vermasseln, doch dauert es aufgrund der großzügigen Übergangsfristen bis zum Jahr 2022 noch ein Weilchen, bis windige Wunderheiler endgültig in die Wüste geschickt werden. Deshalb gilt: Trau - schau - wem.

Wer braucht Nahrungsergänzungsmittel?

Wer sich ausgewogen ernährt, kann gut auf Nahrungsergänzungsmittel verzichten. Es gibt jedoch Menschen, die durchaus von Nahrungsergänzungsmitteln profitieren können, etwa Frauen mit Kinderwunsch, Schwangere, hoch betagte Senioren oder Menschen mit Unverträglichkeiten. Unter Umständen kommen Nahrungsergänzungsmittel auch für Personen in Frage, die sich in einer besonders schwierigen Lebensphase befinden. Generell sollte jedoch jeder mit seinem Arzt besprechen, ob Defizite bestehen und welche Nahrungsergänzungsmittel wirklich erfolgversprechend sind. Eine Selbstmedikation nach dem Gießkannenprinzip führt in aller Regel nicht zum Erfolg.