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Ein Trip von Nelson an die deutsche Golden Bay


Nur per Boot zu erreichende Traumstrände und der sonnigste Nationalpark des Landes erwarten Besucher der Umgebung des geografischen Zentrums Neuseelands.


Neuseeland ist ein Auswandererland – und die Deutschen seit jeher dazu bereit, sich fern der Heimat ein sonniges Fleckchen zum entspannten Existieren zu suchen. Manchmal eben auch sehr fern. Und doch bewiesen sie teutonische Zielgenauigkeit, wenn sie sich nach einer beträchtlichen Anreise von mindestens 19.000 Kilometern genau das Fleckchen neuseeländischer Erde zum Siedeln aussuchten, welches das geografische Zentrum des Landes markiert. Genau genommen um den mitten im Stadtgebiet von Nelson liegenden Botanical Hill, der sich 147 Meter über die Dächer erhebt und steigungsfesten Wanderern beste Weitblicke über die fruchtbare Umgebung ermöglicht, sobald die offizielle Vermessungs-Plakette auf der Hügelkuppe erreicht ist.

Nelson, die deutsche Enklave Down down Under

Das Objekt, welches die Spitze des Botanical Hill und damit das Zentrum Neuseelands markiert, sieht nicht umsonst aus wie ein riesiger Angelhaken. Denn Nelson gehört zu jenen Regionen Neuseelands, in denen häufig Einwanderer hängenbleiben und ihre Spuren hinterlassen. Wenn Auckland das asiatische Zentrum Neuseelands ist, Christchurch das englische und der Deep South das schottische, so beherbergt Nelson an der Kimme der neuseeländischen Südinsel zweifellos die deutsche Enklave. Wer sich in Nelson für seine Erkundung des nordwestlichen Ausläufers der Insel bis zum Farewell Spit mit bestem Proviant eindecken will, kann das an jedem Samstagmorgen auf dem Markt im Stadtzentrum tun – und dabei auch auf Deutsch verhandeln. Neben regional angebautem, vorzüglichem Obst und Gemüse beeinhaltet das frische Angebot auch Down down Under als Raritäten zu bezeichnende Produkte wie Pumpernickel, Wildsalami, französischen Käse, handgemachte Süßigkeiten und organisch gewonnenen Busch-Honig, aber eben auch neuseeländisch-kulinarische Klassiker wie whitebait patties auf Toast – berüchtigt unter Gourmets, deren Auge mit isst.

Der Weg nach Westen durch einen der Obstkörbe Neuseelands

Wer sich der Küstenlinie in Richtung der Golden Bay nähert, passiert unvermeidlich Richmond – eine eigenständige Kleinstadt inmitten von Obst- und Weingütern, die aber vermutlich früher oder später vom größeren Nachbarn Nelson in schleichender Phagozytose einverleibt werden wird. Unterwegs in Neuseeland kann man sich den Luxus leisten, Naturschutzgebiete wie Rabbit Island rechts liegen zu lassen, auch wenn die Sonnenstrahlen einladend auf dem mit pelzigen Inselchen gesprenkelten Wellen glitzern, die die Reservatsinsel mit all ihren lichten Pinienwäldern, weißen Traumstränden und ausgedehnten Grasflächen samt Picknick-Plätzen vom Festland trennt. Denn all das kann nur ein Vorgeschmack auf das Ziel weiter im Westen sein: Die Golden Bay und der Abel Tasman Nationalpark. Doch zunächst einmal geht es durch die fruchtbare Ebene Tasmans, die nicht nur ausgedehnten Apfel- und Kiwiplantagen, sondern auch vielen beschaulichen Farmerkommunen wie Harakeke, Neudorf, Braeburn und Brooklyn Platz bietet, bis sich der Coastal Highway 60 schleichend der Küste nähert.

Motueka – von Hühnern, Hippies und Hygiene

Je nachdem, wie oft man unterwegs anhält, um die Produkte der Farmen oder des nahen Meeres zu genießen, zu denen neben dem frischen Seafood ausdrücklich auch die stimmungsvollen Ausblicke über die Buchten und Inlets der Tasman Bay gehören, erreicht man nach ein paar Stunden das Städtchen Motueka – in der Sprache der Maori »Land des Weka(-Wildhuhns)«. Die Straße ist die Stadt – auf der schnurgeraden Main Road reihen sich alle elementaren und touristisch relevanten Einrichtungen. Der örtliche, sehr preisgünstige Campingplatz am Stadtrand bietet ein ganz eigenes neuseeländisches Campingerlebnis: Aus dem Herren-Waschraum schlägt einem der unverwechselbare Gestank von antikem Urin entgegen; die voll funktionsfähige Kontruktion aus Schläuchen, Kabeln und kleinen Kästchen – durch Klebeband zusammengehalten mit dem Duschkopf in wie auch immer gearteter funktioneller Verbindung – sieht aus wie direkt aus einem russischen Atom-U-Boot rekrutiert. In den Cafes und Bars der Stadt schließlich trifft man auf zahlreiche haarige Zeitgenossen in Kaftanen und gehäkelten Umhängetäschchen, die einen zuverlässig als deutschen Reisenden identifizieren – denn meist waren sie es einst selbst.

Takaka an der Golden Bay und Farewell Spit

Nach der geraden Streckenführung des Highways durch Ebene und Küstenstreifen erfordert der überaus kurvige Anstieg des Takaka Hills einige Vorsicht, damit das Gefährt nicht abseits der Straße in der saftigen Graslandschaft inklusive rustikal-roher Felsauswüchse landet. Hinter der Haarnadelkurve Rocky Angle Corner öffnet sich der Ausblick auf das Tal des Takaka River, das allerdings noch keine Spur von einer Bucht sehen lässt, erst Recht nicht goldig. Das kleine, sonnige Städtchen Takaka ist neben dem Vorposten des Abel Tasman National Parks so etwas wie das zivilisatorische Zentrum der Golden Bay. Versorgung der umliegenden Farmen, Behausung zahlreicher Sommerurlauber und die Beherbergung einer bunten und ebenso alternativen Künstlerszene gehören zum Geschäft.

Von hier kann man einen Tagesausflug an das spitze Ende dieser Landmasse unternehmen, wo der sandige Bogen des Farewell Spit wie das Krummschwert eines Seeräubers in die Tasman Sea ragt. Zugewachsene Wanderpfade führen über bewohnte Schafsweiden und durch knorrigen Dünenwald an einen der einsamsten Strände des Landes, wo sich der feine weiße Sand der Gobi Desert an den buschigen Barchan Dunes nach Norden bis zum Farewell Spit Low Lighthouse zieht. Damit der Eindruck der unberührten Landschaft erhalten bleibt, sind weite Teile der inneren Inselsichel dem Brutgebiet zahlreicher seltener Seevögel vorbehalten.

Echtes Gold im Abel Tasman Nationalpark

Der Abel Tasman National Park ist mit 22.530 ha der kleinste Neuseelands, aber mit dichtestem Regenwald und einsamen Strandbuchten bestens ausgestattet. Wer nicht den eindrucksvolleren, aber eben auch anstrengenderen Wasserweg per Kayak-Tour ins Herz des Parks nehmen will, kann eine nicht ungefährliche Schotterstraße durchs dichte Blätterdach des Bushs nehmen, bis das leuchtende Blau der See hinter einer Biegung aufglitzert. Nach wenigen Kilometern Fahrt, die allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen, hat man ihn erreicht: Einen wirklich goldenen Strand – endlich, denn bisher waren die Strände eher samtweiß als eben so gehaltvoll golden, wie sich der grobkörnige Sand der Bucht in Totaranui präsentiert. Doch Vorsicht, auch wenn in dieser Abgeschiedenheit alles traumhaft erscheinen mag, sollte man Insektenspray nicht vergessen – oder aber einen spontanen Schuhplattler darbieten, während man nach den durstigen Sandflies schlägt, die sich mit großem Appetit auf unbekleidete Unterschenkel stürzen.

Übrigens, nicht nur das Schild, welches auf Wassertaxis wartende Tramper dazu animiert, sich gut sichtbar am Bootssteg einzufinden, ist neben dem englischen Text auch auf Deutsch gehalten. An der Auffahrt zurück zur Hügelstraße wird man zusammen mit einem Pfeil auf der Fahrbahn recht deutlich darauf hingewiesen, was hier auch von deutschen Landsleuten erwartet wird: »Links fahren!«.